Geteilte Länder

Ich komme aus einer Zeit, da war das Land noch getrennt. Das können sich die meisten Leute hoffentlich gar nicht mehr vorstellen. Ansonsten müsste ich mir auch über die Altersstruktur meiner Leserschaft Gedanken machen.

Falls jetzt übrigens einer sagt: kenne ich von früher, dann muss er mir mal die Frage beantworten: Kommen Sie aus Nordrhein-Westfalen? Darum geht es nämlich. Nordrhein-Westfalen. Es wächst zusammen, was nicht zusammengehört. Seit 70 Jahren.

In meiner Kindheit war das tatsächlich noch eine Grenze. Von Westfalen ins Rheinland. Da, wo die Regierung sitzt, die die Rheinländer bevorzugen. Rheinland – das war für uns nur Kö und Karneval, Kölscher Klüngel und Müngersdorfer Stadion. Alles das, was man so nicht mochte. Beinahe so schlimm wie Bayern.

Heute ist das alles nicht mehr so schlimm.

Meine Frau ist sogar Rheinländerin. Und das geht. Irgendwie... kommt man da auch durch...

Als ich Kind war, da gab es wirklich zwei Landesteile. Nordrhein und Westfalen. Und Lippe, aber Lippe war schon damals sehr assimiliert in Westfalen.

Heute verschwimmt das ja. Ein Freund von mir ist aus Duisburg, für mich also Westfale. Er sagt aber immer, er wäre Niederrheiner.Das war für mich damals total merkwürdig. Für mich gab es erstmal Westfalen - die Guten - und die Rheinländer. Aber das waren ja gar nicht alles Rheinländer.
Da gab es Niederrheiner, Oberrheiner, linke Niederrheiner, rechte Niederrheiner, Bergisches Ländler, Eiffelaner, Düsseldorfer, Kölner (das sind beides Spezialexemplare) ...

Für ein Kind ist das verwirrend, aber ich habe es irgendwann doch mir merken können. Ein paar Jahre später hat es mir sogar geholfen.  Bei uns wurde die Mülltrennung eingeführt, aber die kannte ich ja quasi schon.

Wenn ich den Text vorlese, dann kommt hier häufig ein verzögertes Lachen. Das irritiert mich aber nicht. Ich kenne das von zuhause. Man sagt von uns ja, dass wir zum Lachen in den Keller gehen.

Das stimmt nicht ganz. Ein Westfale gibt dir unmittelbar Feedback auf Witze. Wenn der Witz gut ist, dann steht er da, der Westfale. Wenn der Witz schlecht ist oder bekannt oder so, dann auch, aber halt irgendwie anders. So passiv ablehnend.

Wenn der Witz ganz gut ist, gibt es sogar mal ein "Oh" oder ein "Jo" oder "Hmm" ist.

Mir ist auch schon häufiger passiert, dass ich im Keller war, Wäsche gemacht oder so, und dann kam der Witz nochmal so richtig hoch. Und dann habe ich auch gelacht. Da hat man mal Zeit. Ansonsten muss man sich ja auf Leute konzentrieren.

Diese "Oh", "Jo" oder so ist auch richtig westfälisch. Sowas kurzes. Wie "woll". "Woll" - das ist Sauerland. Das ist gesprochene Interpunktion. Das ist nichts anderes als ein Satzzeichen.

Die Sauerländer sind auch viel besser in Grammatik als der Rest Deutschlands, die sprechen halt die Satzzeichen mit.

Zum Thema Grammatik mal allgemein: Früher war deutsches Know How in Ausland sehr beliebt. Man wusste: die Deutschen können was, die sind intelligent - sonst würden sie ihre Grammatikregeln gar nicht verstehen.

Heute gucke ich ins Internet und sehe: Satzzeichen. Aber Zeichensetzung scheint nicht mehr zur deutschen Kultur zu gehören. In der Schule steht im Zeugnis sowas wie „Er hat sehr viel Phantasie bewiesen in dem Deutschunterricht. Leider nicht beim Inhalt, sondern bei der Zeichensetzung und Rechtschreibung.“

Vor allen Dingen wundert mich die Renaissance des Ausrufezeichens. Das nutzen manche nach jedem Satz. Was mache ich? Punkt, Fragezeichen, Ausrufezeichen? Ausrufezeichen passt immer.

Und vor allen Dingen machen das die Leute, die gegen Ausländer stänkern und die deutsche Kultur hochhalten. Bis auf die Satzzeichen halt. Dann frage ich mich: wie können die Wählen? Wenn die ein Kreuzchen machen sollen, dann kommt da doch höchstens ein Ausrufezeichen raus.

Die meisten guten deutschen Rechten waren früher auch in Stalingrad und haben da ihre linke Hand verloren. Deswegen schreiben die in Großbuchstaben. Weil sie die Hochstelltaste nicht bedienen können und einfach mal vorsorglich auf Dauer-Hochstellen drücken.

Das macht mir Angst: wenn die auch noch richtig wählen könnten, dann hätte die AfD vermutlich wirklich über 20%.

 

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