Es gibt immer wieder die Forderung, ein einheitliches Regelsystem
für das Live-Rollenspiel einzuführen. Dieser kurze Artikel soll
zeigen, daß diese Forderung meiner Ansicht und Erfahrung nach ebenso
wünschenswert wie utopisch ist.
Die wohl größten Differenzen findet man in den Bereichen
Bei der Magie kann man zunächst unterscheiden, wie stark und
häufig Magie ist. In einem System ist es schon toll, wenn der Magier
nach 5 Con-Tagen eine Kerze anmachen kann, bei anderen fängt man schon
nach 20 Tagen mit dem Bau von Dimensionstoren in andere Welten an. Magie
kann selten (und gefürchtet oder verachtet) sein, es kann aber auch
vorkommen, daß jedes zweite Wesen irgendeine magische oder ähnliche
Fähigkeit hat. Bei einigen LARPs gibt es überhaupt keine Magie,
oder Magie nur als mystischer Hintergrund.
Das Vorkommen nicht-menschlicher Wesen in LARP-Ländern kann auch stark differieren. Auf einem Con ruft der Elf beim Waldlauf dem Zwergen und Hobbit „Guten Tag“ zu, bevor er gegen den Baumhirten rennt und vom orkischen Heiler zusammengeflickt wird. Vierzehn Tage später landet der Elf in einem Land, in dem er von allen erst 2 Stunden interessiert angeschaut wird, denn noch nie haben die Leutchen dort einen Humanoiden gesehen. Neben den Spieler-Charakteren gibt es auch heftige Unterschiede bei den NSCs: auf dem zweiten CON sind die Gegner Räuber und feindliche Ritter, nur als Endmonster kommt ein Werwolf - der außerdem nicht im Kampf besiegt werden sollte, sondern durch Finden von irgendwelchen Heilkräutern. Das erste CON wiederum bedient sich sämtlicher Fantasien: nach Orks, Goblins, Riesenspinnen, Werwölfen und kleinen grünen Männchen als Appetitmacher kommt zum Abschluß der große Drache in den Hof geflogen.
Auch der Kampf wird verschieden gesehen: der eine möchte es realistisch, der andere bombastisch. Realistisch bedeutet den frühen und schnellen Tod (oder zumindestens die Bewußtlosigkeit, denn man will ja nicht gleich nach dem ersten Kampf die Burg leer haben). Dagegen stehen epische Duelle zweier Ritter in Plattenrüstung, die sich eine halbe Stunde bedengeln, bis der erste schließlich umkippt - nicht aus Mangel an verbliebenen Schutzpunkten, sondern eher aus Erschöpfung.
Schließlich fehlt noch der eigentlich wichtigste Punkt: das Rollenspiel. Und da fliegt dann alles auseinander. Zwei Extreme: Es gibt Leute, die sich gar nicht für das Rollenspiel interessieren. Ihnen liegt mehr an Pompfen, Saufen und/oder gemütlichem Beisammensein. Genauso gibt es auch Spieler, die überhaupt nicht aus ihrer Rolle rausgehen, selbst auf dem Klo nicht. Die Art des Rollenspiels beeinflußt auch die anderen drei Punkte, beispielsweise die Magie: wie spiele ich meine Magie aus? Reicht es, einfach „Feuerball, 3 Punkte zu rufen“? Oder muß da erst eine lange magische Formel gesprochen werden, gefolgt von 7 verschiedene Gesten? Genauso betrifft das Rollenspiel die Fertigkeiten: reichen meine 50 Gift-Punkte aus, um das Gift mit Hilfe von Speisefarbe und Wasser zu erzeugen, oder muß ich 3 Stunden lang obskure Inkredenzien zusammenkippen?
Meiner Ansicht nach gibt es neben den 4 genannten Punkten noch zwei weitere Fragen:
Als Beispiel: ein Charakter mit Vollplatte hat nach Manticore ungefähr 20 Schutzpunkte, nach That’s Live 5 (?). Außerdem gibt es bei den Schutzpunkten 2 Möglichkeiten: entweder werden sämtliche Schutzpunkte zusammengezogen, oder man muß für jedes Körperteil einzeln rechnen. Es gibt sogar Systeme der Art „Wenn du genug hast, laß dich fallen, du kannst das selbst schon gut abschätzen.“ Ich persönlich habe es noch nie geschafft, mir die Punkte zu merken, und bin deswegen meistens vorher umgefallen.
Anmerkung: Vertrauen mißbrauchen hört sich sehr hart an. Einige LARPer sind sich sehr unsicher, wenn es darum geht, Fähigkeiten einzuschätzen - und übertreiben dann.
Anmerkung: Charaktere mit Fähigkeiten , die der Spieler gar nicht darstellen kann (z.B.: Heilung 50 Punkte und der Spieler weiß nicht, wie man einen Verband macht), können auch bei anderen Systemen vorkommen.
Die Schwierigkeit des CONs wird von der Spielleitung selbst entschieden und häufig falsch. Auch die Spieler dürften Schwierigkeiten haben, sich hinsichtlich der Schwierigkeit zweier CONs zu einigen.
Genauso merkwürdig ist die Vergabe der Punkte nach Spielleistung. Man kann die Punkte nach der Anzahl der Aktionen geben. Damit bekommen die auffälligsten Spieler die meisten Punkte. Aber: rein von der Beurteilung des Rollenspiels her können einige Charaktere gerade durch ihre Unauffälligkeit sehr gut gespielt sein (der Drahtzieher im Hintergrund). Außerdem: welcher Magier wird mehr lernen: der stille Gelehrte, der 2 Tage lang mit Gleichgesinnten diskutiert - oder der Abenteurer, der in jedem Kampf seine Feuerbälle losläßt? Wenn man das Spiel beurteilen will, muß man den Charakterbogen genau kennen. Wer einen langen Charakterbogen mit vielen Eigenschaften und Restriktionen schreibt, ist dann eher im Nachteil, denn der Charakter wird schwieriger zu spielen. Jemand ohne Charakterbogen hingegen schränkt sich nicht ein und verstößt mit seinem Spiel kaum gegen seine Charakterbeschreibung ...
Interessant sind übrigens die Kommentare, wenn die Punkte vergeben werden: „Für die da 2 Punkte mehr, die sieht niedlich aus.“ (Busen und Augenaufschlag statt Rollenspiel?) Genauso schön der Mißbrauch: „Komm zu uns, hier gibt es 10 Punkte pro Tag.“
Seit 1993 (als ich mit LARP anfing) habe ich nach 10 Regelwerken gespielt, es waren eher noch mehr. Jedes Jahr gibt es mehrere Veranstalter, die lieber ein eigenes Regelwerk entwickeln, weil sie alle anderen für schlecht halten.
In diesen Punkten (Kämpfe, Magie) gibt es auch wenig Kompromißmöglichkeiten: man kann nicht gleichzeitig viel und wenig Magie haben. Noch schlimmer: man kann nicht mit ohne Fertigkeiten spielen. Man muß sich entscheiden: System mit Punktevergabe oder nicht. Wenn man sich da für eine Möglichkeit entscheidet, gucken Spieler, die die (oder eine) andere Möglichkeit bevorzugen, einfach in die Röhre (bzw. müssen sich der Mehrheit anpassen). Außerdem zwingt man damit Spieler dazu, ein vielleicht viel zu kompliziertes System zu benutzen: wozu braucht jemand aus der Nordmark Dracconia ein Fertigkeitssystem? Man kann, was der Charakter können sollte, und Magie ist dieses auf keinen Fall.
Eine Möglichkeit wäre ein Regelwerk mit Optionen: wählen sie bitte beim Kampfssystem zwischen Option 1 realistisch und 2 pompös. Aber: das ist kein Unterschied zum Jetztstand. Es stehen einfach nur 2 Regelsysteme auf hinterliegenden Seiten.
Die Vielzahl der Regelsysteme haben auch einen Vorteil: Es gibt viele
unterschiedliche LARPs. Verschiedene Regelsysteme, die sich wirklich unterscheiden,
beugen auch in gewisser Weise einem uniformen Einheits-Langeweile-LARP
vor.
| LARP Index | CONs | Charaktere + Gruppen | Fun | Essays | Links | PALANDUN |