{"id":103,"date":"2003-08-24T20:14:00","date_gmt":"2003-08-24T20:14:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.palandun.de\/?p=103"},"modified":"2020-02-26T20:14:52","modified_gmt":"2020-02-26T20:14:52","slug":"mylord-de-elmsing","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palandun.de\/index.php\/2003\/08\/24\/mylord-de-elmsing\/","title":{"rendered":"Mylord de Elmsing"},"content":{"rendered":"\n<p> Mylord de Elmsing war ein merkw\u00fcrdiger Gesell. Das behauptete niemand in  dem kleinen Dorf. Niemand mu\u00dfte es behaupten, denn alle wu\u00dften es. Er  lebte alleine in seinem alten Herrenhaus, sah man von dem Butler ab und  auch von dessen Frau. Er besuchte nur selten das Dorf und kaufte nie  selbst etwas ein. Einmal im Jahr, in wenigen Jahren auch zweimal,  verreiste er. Der Besitz, den er von seinen Eltern geerbt hatte, gr\u00fcnte  und bl\u00fchte vor sich hin, ohne da\u00df die weiten Felder f\u00fcr mehr als eine  Schafherde genutzt wurden.<br> <br> Wenn man fragte \u2013 und man konnte nur ein seltener H\u00e4ndler sein, oder ein  Reisender, der von seinem Weg abgekommen war \u2013 wenn man also fragte,  womit Mylord de Elmsing sein Geld verdiente, erntete man nur  Kopfsch\u00fctteln von den Einheimischen, und auf die Frage nach seinen  Freunden erinnerten sich nur wenige, da\u00df er als kleiner Junge mit den  anderen Kindern in den verbotenen H\u00fcgeln herumgetobt hatte \u2013 \u201eaber habt  acht, dort hausen die Feen!\u201c Vielleicht hatte er sich Freunde gemacht in  den Internaten und auf den Universit\u00e4ten, schlie\u00dflich war er f\u00fcnfzehn  oder gar mehr Jahre lang nur auf den edelsten und bekanntesten dieser  Institute gewesen. Ein manches Jahr hatte er sogar im Ausland gelernt,  man stelle sich das nur vor! Der Tod seiner Eltern hatte ihn  zur\u00fcckgetrieben in das Haus seiner Eltern. Und nun war er der Einsamste,  aber auch der Gelehrteste weit und breit, doch bekam er nie Besuch, und  nur selten Briefe.<br> <br> Obwohl Mylord de Elmsing also ein wenig mysteri\u00f6s war, konnte niemand  \u00fcber ihn etwas B\u00f6ses berichten. Nicht einmal die alte Witwe Luegersch am  Ende des Dorfes, und die wu\u00dfte wahrlich \u00fcber jeden etwas Schlimmes zu  sagen, und mochte es die K\u00f6nigin sein oder ein anderer, den sie nie  gesehen hatte.<br> <br> Es war wirklich nichts, was man \u00fcber ihn fl\u00fcstern konnte: keine geheime  Liebelei mit einer aus dem Dorf oder sogar von au\u00dferhalb. Keine  geheimnisvollen Gestalten, die des Nachts zum Herrenhaus schlichen.  Keine Furcht und Neugier erweckenden Lichter, die dort aufflackerten.  Eigentlich war das, was man \u00fcber ihn wu\u00dfte, \u00e4u\u00dferst langweilig, doch  deshalb wurde er von Jahr zu Jahr interessanter. \u201eJeder\u201c, behauptete  Witwe Luegersch immer wieder, \u201ejeder hat ein geheimes Laster, und ich  wei\u00df von jedem Laster dieser Welt. Auch Mylord de Elmsing hat ein  Laster, und eines Tages werde ich es herausfinden!\u201c Dabei hob sie den  Zeigefinger, und verbreitete mit den Worte \u201eHast du schon geh\u00f6rt,  da\u00df&#8230;\u201c oder \u201e&#8230;hat die Tage&#8230;\u201c den neuesten Klatsch \u00fcber die  Dorfbewohner. Niemand wurde von ihr verschont, und niemand sprach \u201emit  der alten Vettel\u201c, doch der Klatsch aus ihrem Munde breitete sich  schnellstens im ganzen Dorf aus. Nur \u00fcber Mylord de Elmsing, \u00fcber diesen  wu\u00dfte sie nichts zu berichten.<br> <br> Wenn sich Mylord de Elmsing jemals f\u00fcr das Dorf interessiert hatte, dann  war das allerh\u00f6chstens in seiner fr\u00fchesten Kindheit gewesen. Ihm war  bewu\u00dft, da\u00df es ein Dorf in seiner N\u00e4he gab, und er wu\u00dfte auch, da\u00df er  sich zu sehr von den Dorfbewohnern zur\u00fcckhielt, doch er sprach nur  ungern mit ihnen. Nicht, da\u00df er die Leute nicht mochte, oder da\u00df er sich  ihnen \u00fcberlegen f\u00fchlte. Er bevorzugte einfach ein gutes Buch aus der  Feder eines hervorragenden Autors vor dem Klatsch \u00fcber zweik\u00f6pfige  K\u00e4lber in der Nachbargemeinde oder die Seitenspr\u00fcnge irgendeines Bauern.  Wie konnte er sich mit jemandem \u00fcber Indien unterhalten, wenn sein  Gegen\u00fcber Indien f\u00fcr ein nahes Bauerndorf oder allenfalls \u00fcber ein  Region \u201eda weit im S\u00fcden\u201c hielt.<br> <br> So sa\u00df Mylord de Elmsing auch am Abend dieses Tages \u2013 der Herbst brach  heran, und die Bauern kehrten gerade von den Feldern zur\u00fcck \u2013 in seinem  gem\u00fctlichen samtbezogenen Sessel, in seiner mit edelstem Holz  verkleideten Bibliothek, an einem knisternden Kaminfeuer, und sein  \u00dcberlegungen betrafen keinesfalls das Dorf, sondern vielmehr die  Entscheidung, zu welchem Buch er nun greifen sollte.<br> <br> Ihm war der Sinn am Ende dieses Tages ein wenig melancholisch, wie es an  den Herbstabenden nicht selten der Fall ist, so da\u00df er sich schlie\u00dflich  f\u00fcr ein Buch aus dem Regal gleich links dem Kamin entschied. Die  B\u00fccherr\u00fccken waren ein klein wenig verstaubt, so machte er sich in  Gedanken eine kleine Notiz, am n\u00e4chsten Tag dem Butler aufzutragen,  diese Nachl\u00e4ssigkeit zu korrigieren. Dann erinnerte er sich, da\u00df er noch  zwei Wochen ohne seinen treuen Diener und vor allem ohne die Kochk\u00fcnste  der Butlersfrau auskommen mu\u00dfte.<br> <br> Gleichwohl nahm er einen dicken W\u00e4lzer aus dem Regal, eine durchaus edle  Erstausgabe, leider jedoch von einem nicht ganz so ber\u00fchmten Autor,  obwohl dessen Schreibstil eigentlich mehr Beachtung h\u00e4tte zukommen  sollen. Mit diesem Werk in der Hand machte Mylord de Elmsing es sich  wieder in dem Sessel bequem. Er verga\u00df nicht, seine Pfeife aus ihrem  Ebenholzkasten zu nehmen, sie mit etwas Tabak von seinen eigenen  Plantagen zu f\u00fcllen, der langsam auch wieder zur Neige ging, und sie mit  einem Streichholz anzuz\u00fcnden. Eine Karaffe mit gutem Wein stand schon  neben dem Sessel, ebenso ein Glas, und so begann er mit der Lekt\u00fcre.<br> <br> Es handelte sich um ein Thema, das ihn wirklich sehr interessierte \u2013 der  Autor vertrat die These, da\u00df jeder Mensch zu einem Verbrechen f\u00e4hig  war. Besonders bezog er sich auf die geistige Elite. Fast jeder, der aus  dieser Schicht stammte, \u2013 so meinte er zumindest \u2013 \u00fcberlegte sich ein  perfektes Verbrechen, einfach aus dem Gedankenspiel heraus, ohne es je  durchzuf\u00fchren, einfach nur aus Spa\u00df und Freude an der Herausforderung.  Nur alte, vertrocknende Jungfern nahm er aus diesem Denkspiel heraus.<br> <br> Tats\u00e4chlich hatte auch Mylord de Elmsing Interesse an dem Thema  gefunden, und sich damit besch\u00e4ftigt. Zun\u00e4chst schien es ihm leicht zu  sein; doch bei genauerem \u00dcberlegen gab es immer Unw\u00e4gsamkeiten und  m\u00f6gliche Zuf\u00e4lle, die das perfekte Verbrechen aufkl\u00e4rbar machten oder es  gar verhinderten..<br> <br> Weiterhin knisterte das Feuer im Kamin, ab und zu sprang ein Funke auf  den marmornen Fu\u00dfboden, und er las z\u00fcgig, doch jede einzelne Nuance des  Buches vollends auskostend bis zur zw\u00f6lften Seite, als ihn pl\u00f6tzlich ein  Ger\u00e4usch aufhorchen lie\u00df.<br> <br> Zun\u00e4chst dachte er an die typischen Laute des Geb\u00e4lks, typisch nun f\u00fcr  alte Schl\u00f6sser und Burgen, doch an diese war er schon von Kindesbeinen  an gew\u00f6hnt. Etwas anderes, ungew\u00f6hnliches mu\u00dfte sich ereignet haben.<br> <br> Bevor er nachdenken konnte, woher dieses Ger\u00e4usch gekommen war, und was  es zu bedeuten hatte, fiel schon die gro\u00dfe Eingangst\u00fcr in ihr Schlo\u00df.  Jemand besa\u00df die Frechheit, in seinen Besitz einzudringen! Und er  k\u00fcndigte dieses auch laut und deutlich an. Von einem Einbrecher hatte  man doch etwas mehr Raffinesse zu erwarten. Ein lautloses Eindringen und  ein Gesp\u00fcr daf\u00fcr, in welcher Stunde zuzuschlagen war, sollte derjenige  dort unten doch besitzen. Er machte sich aber scheinbar keine Gedanken  dar\u00fcber, leise zu sein.<br> <br> Mylord de Elmsing erhob sich aus seinem gem\u00fctlichen Sessel, legte Buch  und Pfeife beiseite, und griff zu der Pistole, die \u00fcber den Kamin hing.  Sie stammte aus seiner kurzen Karriere als Meistersch\u00fctze; danach hatte  er sich weitaus interessanteren Spielen wie Kricket und Polo zugewandt.<br> <br> So gewaffnet schlich er zu der gro\u00dfen Treppe. W\u00e4hrend er langsam  hinunterschlich, kam ihm der Gedanke, auch der Fremde k\u00f6nnte bewaffnet  sein. Das wiederum erkl\u00e4rte den L\u00e4rm. Der Einbrecher brauchte sich also  keine M\u00fche zu geben. Das konnte einen de Elmsing jedoch nicht  ersch\u00fcttern. Den Mut eines L\u00f6wen hatten sich seine Vorfahren ins  Familiencredo geschrieben. Au\u00dferdem brachte der Besitz einer Pistole  keinen Vorteil f\u00fcr den Angreifer, wenn er ein schlechterer Sch\u00fctze war  als Mylord de Elmsing. Und die Wahrscheinlichkeit, einen Meistersch\u00fctzen  als Einbrecher zu haben, war doch etwas gering.<br> <br> So scheute sich Mylord de Elmsing auch nicht, \u2013 kaum war er am Fu\u00dfe der  Treppe angekommen \u2013 dem Fremden schlie\u00dflich zuzurufen, er solle sich und  den Grund seines Eindringens zu erkennen geben. Doch der Einbrecher  erstarrte nicht auf der Stelle, wie man es erwarten konnte. Sofort fuhr  er herum, noch in der Bewegung seine Pistole ziehend und auf den  Edelherren richtend. Nur ein guter und schneller Sch\u00fctze konnte solche  Gewandtheit besitzen.<br> <br> Instinktiv und genauso blitzschnell reagierte Mylord de Elmsing. Er hob  ebenfalls seine Waffe und zielte auf den Fremden, doch als er die  Pistole in Position zu bringen versuchte, wurde ihm bewu\u00dft, der er seine  Chance vergeben hatte, da\u00df er die Waffe schon fr\u00fcher auf Anschlag h\u00e4tte  bringen m\u00fcssen. Doch ebenso wurde ihm deutlich, da\u00df es zu sp\u00e4t war,  diesen Fehler zu korrigieren. Man darf niemanden untersch\u00e4tzen!<br> <br> Er erwartete schon den Aufprall der Kugel, seinen eigenen Tod. Dennoch  versuchte auch er noch zu schie\u00dfen, sollte der andere ihm mit folgen in  den Tod. Seine Augen schlossen sich, nachdem sein Schu\u00df abgegeben war,  einer tief im Innern sitzenden Regung und Dummheit folgend \u2013 kein  Meistersch\u00fctze w\u00fcrde vor, w\u00e4hrend oder nach dem Schu\u00df auch nur blinzeln  \u2013, doch wollte er dem Tod wohl nicht in das Auge sehen, auch wenn der  Mut des L\u00f6wen dieses eigentlich vorgesehen h\u00e4tte.<br> <br> Stille.<br> <br> Mylord de Elmsing brauchte einige Sekunden, um zu bemerken, da\u00df nur aus  seiner Waffe ein Schu\u00df abgegeben worden war. Warum? Ungl\u00e4ubig \u00f6ffnete er  die Augen wieder. Vor ihm, in der Mitte der Halle, lag der Fremde  r\u00fccklings auf dem Boden, ein starker Blutstrom flo\u00df aus dem Loch in  seiner Brust die Seite entlang auf den Marmor, begann jedoch schon, ein  wenig schw\u00e4cher zu werden.<br> <br> Pl\u00f6tzlich befiel Mylord de Elmsing eine starke Erleichterung, nicht  verwunderlich, war er doch gerade dem Tod vom Wagen gesprungen. Das  Gef\u00fchl wich aber einer tiefen Beunruhigung und Verwunderung \u2013 warum  hatte der Fremde, der dort mit weit aufgerissenen Augen auf dem  Steinfu\u00dfboden lag, warum hatte er nicht geschossen, obwohl er doch gute  Gelegenheit bekommen hatte.<br> <br> Langsam, nachdem er seinen Magen beruhigt hatte \u2013 noch nie war ein  Mensch von ihm erschossen worden, und auch von der Jagd hielt Mylord de  Elmsing nicht viel \u2013 kniete der Adelige neben dem Einbrecher nieder,  doch konnte er nur dessen Tod feststellen, wie er es schon erwartet  hatte. Kein Mensch konnte mit solch starkem Blutverlust weiterleben.<br> <br> Unt\u00e4tig blieb er neben der Leiche sitzen, ein M\u00f6rder neben seinem Opfer.  So f\u00fchlte er sich, obwohl er doch in Notwehr gehandelt hatte.  Schlie\u00dflich kam ihm der Gedanke, er k\u00f6nne sich erst einmal den Toten  genauer anschauen. Vielleicht gab es irgendwelche Anhaltspunkte, warum  dieser in sein Schlo\u00df eindringen wollte.<br> <br> Er holte sich aus der Bibliothek die gu\u00dfeiserne Laterne, die n\u00e4chste mobile Lichtquelle, die er erreichen konnte.<br> <br> Als er sich dann wieder zur Leiche begab, war er \u00e4u\u00dferst \u00fcberrascht: der  Tote trug Kleidung wie jemand, der gerade einen Spaziergang hinter sich  gebracht hatte, recht gute Kleidung sogar. Tats\u00e4chlich besa\u00df Mylord de  Elmsing \u00e4hnliche St\u00fccke, die jetzt in seinen Schr\u00e4nken hingen. So meinte  er sich zu erinnern, jedoch machte er sich nicht viel aus Kleidung,  Hauptsache, er war immer angemessen angezogen. Die Bekleidung des Toten  war jedoch vollkommen verschmutzt und an einigen Stellen eingerissen.  Dazu kam jetzt noch ein gro\u00dfer Blutfleck, der die Jacke endg\u00fcltig  unreinigbar machte. Aber wie kam ein einfacher Einbrecher an solch  exquisite Bekleidung?<br> <br> Auch die Waffe dieses Menschen \u00e4hnelte einer der seinen. Verwundert  stellte er fest, da\u00df es gerade die war, die er selbst genommen hatte.  Beinahe abwesend schaute er nach den Patronen. Es war nur eine. Eine \u2013  ausreichend f\u00fcr ein Opfer. Der Fremde mu\u00dfte ein exzellenter Sch\u00fctze  sein, viel besser als er selbst.<br> <br> Doch dann durchfuhr ihn ein weitaus gr\u00f6\u00dferer Schrecken, der gr\u00f6\u00dfte an  diesem Abend, der gr\u00f6\u00dfte in seinem bisherigen Leben, ein Schrecken, der  ihm den Herzschlag bis zum Rasen trieb, ihn gar zittern machte: er sah  das Gesicht des Fremden.<br> <br> Es war kein abscheuliches Gesicht, wie man vermuten k\u00f6nnte. Eigentlich  war es in keiner Weise besonders \u2013 schwarze, leicht gelockte Haare  umrahmten es, ein d\u00fcnner Schnurrbart zierte es \u00fcber den ebenfalls d\u00fcnnen  Lippen, es zeigte noch keine Alterserscheinungen, keine Falte, nicht  einmal F\u00e4ltchen. Es war weder besonders sch\u00f6n noch au\u00dferordentlich  h\u00e4\u00dflich. Das beunruhigte ihn nicht. Aber er kannte es. Oftmals hatte er  es schon gesehen. Doch es war nicht das von einem ihm schlecht  Gesonnenen (Feinde hatte er sich nie geschaffen); es war auch nicht das  Gesicht einer seiner weniger Freunde (die er nur auf seinen wenigen  Reisen sah); es war keiner aus diesen beiden Gruppen, sondern jemand,  den er oftmals sah. Es war auch nicht sein Butler \u2013 schlicht und  einfach: er sah sein eigenes Gesicht.<br> <br> Minutenlang stand er vor dem Toten starrte auf ihn, unf\u00e4hig, seine  Gedanken zu ordnen. Minutenlang betrachtete er den nicht sehr gro\u00dfen,  dennoch hageren Mann, der ihm so \u00e4hnlich, nein, so gleich sah.<br> <br> Wer war der Fremde mit seinem Gesicht? Woher kam der Doppelg\u00e4nger?  Irgendein Autor hatte geschrieben, es w\u00fcrde f\u00fcr jeden Menschen der Welt  irgendwo einen Doppelg\u00e4nger geben, doch diese These hatte Mylord de  Elmsing von jeher als Schwachsinn abgetan. Im Dorf erz\u00e4hlten sie auch  viele Geschichten \u00fcber Feen, die Gestalt und Aussehen von jedem  anzunehmen vermochten, doch an Feengeschichten hatte er noch nie  geglaubt. Schon gar nicht damals in seiner Kindheit, als er mit den  anderen Burschen durch die Feenh\u00fcgel getobt war, vor denen sich alle  Erwachsenen gef\u00fcrchtet hatten. Letztendlich hatten alle ihren Kindern  verboten, dort hinzugehen, bis auf Mylord de Elmsings Vater, der eine  \u00e4hnliche Einstellung zu Bauerngeschw\u00e4tz besa\u00df. Au\u00dferdem konnte man  Doppelg\u00e4nger aus dem Feenvolk den Legenden nach nur ganz kurz sehen, und  zwar einen Tag vor dem eigenen Tod \u2013 und man konnte sie nicht einfach  erschie\u00dfen. Der Eindringling war ganz klar aus Fleisch und Blut. Eine  Maske? Angewidert untersuchte der Adelige das schon bla\u00df gewordene,  langsam k\u00e4lter werdende Gesicht der Leiche, doch wie nicht anders zu  erwarten: das Gesicht war echt. Vielleicht doch ein Doppelg\u00e4nger? Oder,  was er eigentlich nicht zu denken gewillt war, ein Zwillingsbruder, den  er nie zu Gesicht bekommen hatte.<br> <br> Traurig dachte er an seine verblichenen Eltern. Hatten sie noch ein  zweites Kind gehabt, gleichzeitig mit ihm auf die Welt gekommen? Eines,  da\u00df genauso aussah wie er? Es gab nicht wenige Geschichten von Adeligen,  die den Zwillingsbruder ihres Erben versto\u00dfen hatten, in fremde H\u00e4nde  gegeben oder gar an einem geheimen Ort eingesperrt. Notwendig war  dieses, um Erbstreitigkeiten von vorneheraus zu vermeiden. Und nicht  wenige so Verbannte waren \u2013 nachdem sie ihre wahre Identit\u00e4t  herausfanden \u2013 gekommen, um sich an ihren Eltern zu r\u00e4chen. Hatten seine  Eltern, die er immer als g\u00fctig und vornehm, als gute Menschen gekannt  hatte, einen schwarzen Fleck auf ihrer sonst so wei\u00dfen Weste, ein  Schuld, an der sie zu tragen gehabt hatten? Er verstand eine solche  Entscheidung, doch warum hatten sie nie davon erz\u00e4hlt?<br> <br> Es vergingen bestimmt zwei oder gar drei Stunden. Er stand neben der  Leiche, die langsam kalt wurde, hing nur seinen Gedanken nach, dann  schlich er bedr\u00fcckt in sein Schlagzimmer, zu m\u00fcde, um den Toten an einem  anderen Ort zu bringen.<br> <br> Die Nacht war kurz und unruhig. Immer wieder sah er seinen Doppelg\u00e4nger,  immer wieder erscho\u00df er ihn, immer wieder fuhr mit einem Schrei aus dem  Schlaf auf.<br> <br> Als Mylord de Elmsing am n\u00e4chsten Morgen bei einem schnellen, kargen  Fr\u00fchst\u00fcck sa\u00df, \u00fcberlegte er, was er mit dem Toten machen sollte. Gewi\u00df,  er m\u00fc\u00dfte ihn eigentlich der Polizei melden. Doch das bedeutete viele  Fragen, viel Getuschel und Tratsch \u2013 kurzum, viele kleine Aufregungen,  die niemandem was nutzen w\u00fcrden, vor allem nicht ihm selbst. Und der  andere war tot! Diesem w\u00fcrde eine Ermittlung auch nicht helfen.  Vielleicht w\u00fcrde man sogar denken, er selbst sei der Doppelg\u00e4nger,  schlie\u00dflich glich er dem Fremden \u2013 seinem Zwilling dem Aussehen nach \u2013  wie ein Ei dem anderen.<br> <br> Schlie\u00dflich traf er die Entscheidung. Er zog wetterfeste Arbeitskleidung  an \u2013 denn drau\u00dfen gingen immer wieder kurze Schauer hernieder \u2013 und  dann schaufelte er keine hundert Schritte von seinem Haus an einer  gro\u00dfen Eiche ein tiefes Grab, die letzte Ruhest\u00e4tte f\u00fcr seinen  Doppelg\u00e4nger. Mehrere Stunden dauerte die Arbeit an, und noch m\u00fchsamer  war es, den Toten in sein Grab zu bringen, doch zur Mittagszeit, eher  sogar eine Stunde danach, hatte diese Plackerei ein Ende, nachdem das  Grab wieder geschlossen war.<br> <br> Danach begab er sich in die Halle, und nach zwei Stunden ebenso harter Arbeit war von dem Blut kaum etwas zu sehen.<br> <br> Der Fremde verschwand also beinahe so schnell aus Mylord de Elmsings  Leben, wie er gekommen war. Doch das galt nur f\u00fcr seinen K\u00f6rper. Im  Laufe des Nachmittags bemerkte der Adelige, da\u00df man den Geist des  Erschossenen nicht so schnell vertreiben konnte. Nicht, da\u00df er wie in  alten Schauergeschichten erschienen w\u00e4re \u2013 doch immer wieder spukte das  Bild des Toten in der Halle im Kopf des Lords herum. Als er in seinem  silbernen Besteck sein Spiegelbild sah, als er die Treppe nach oben  entlangschrittt, als er die roten Tomaten sah, deren Farbe geronnenem  Blut mehr \u00e4hnelte, als er je zuvor bemerkt hatte. In dem Bild seines  verstorbenen Vaters fand er die Gesichtsz\u00fcge des Fremden wieder, im Gr\u00fcn  der Vorh\u00e4nge des Salons die Farbe des Hemdes, das dieser getragen hatte  \u2013 obwohl die Vorh\u00e4nge weitaus heller und auf keinen Fall so schmutzig  waren.<br> <br> Warum hatte der Fremde nicht geschossen? Wer war er wirklich? Gab es  einen anderen de Elmsing, einen versto\u00dfenen? Immer wieder stellte er  sich diese qu\u00e4lenden Fragen, immer wieder schwor er sich, nicht mehr in  diese Richtung zu denken, immer wieder brach er diesen Schwur nur  Sekunden sp\u00e4ter.<br> <br> Er setzte sich, versuchte ein Buch zu lesen \u2013 doch er hatte keine Seite  hinter sich gebracht, als wieder die Fragen zum Vorschein kamen. Der  Versuch weiterzulesen scheiterte schon zwei Zeilen sp\u00e4ter. Er legte den  kostbaren Band zur Seite und begab sich nach unten, um ein Mahl zu sich  zu nehmen \u2013 obwohl dieses gar nicht n\u00f6tig war, er gar keinen Hunger  hatte. Beim ersten Bissen in das Sandwich erschien wieder das Bild des  Toten vor seinen Augen. Er lie\u00df den Rest liegen.<br> <br> Nichts gab es, da\u00df ihn von den schrecklichen Gedanken abhalten konnte.  Er verfluchte den toten Einbrecher, weil dieser an den Erinnerungen  schuld war, er machte sich klar, da\u00df er nichts anderes h\u00e4tte tun k\u00f6nnen,  da\u00df dieser selbst schuld gewesen war \u2013 doch nur noch st\u00e4rker wurde die  Bindung an das gr\u00e4\u00dfliche Geschehnis. Es gab keine Hilfe gegen die  Schuld, die sich in ihm breit gemacht hatte.<br> <br> Fr\u00fch ging er zu Bett, viel fr\u00fcher als je zuvor. Unruhig w\u00e4lzte er sich  hin und her, er machte die Augen zu und sofort wieder auf. Erst fr\u00fch am  Morgen konnte er den Schlaf finden, aus Ersch\u00f6pfung, doch selbst im  Traum qu\u00e4lte ihn der Tote. Mit seiner Stimme, mit der Stimme eines Lords  sprach er von der Tat, klagte ihn des Mordes an, mit gequ\u00e4lten Augen  fragte er, warum dieses getan worden war, warum der Brudermord geschehen  mu\u00dfte. Mittlerweile hatte der Lord die \u00dcberzeugung gewonnen, es m\u00fcsse  wirklich ein Zwillingsbruder sein, obwohl er sich das noch immer nicht  selbst klar gemacht hatte. Tief im Inneren, und dieses wird im Schlafe  ausgekehrt, wu\u00dfte er die schreckliche Wahrheit.<br> <br> Die Sonne blendete den Schlafenden, so da\u00df er von seinen dunklen Tr\u00e4umen  erl\u00f6st wurde. Er g\u00f6nnte sich ein Fr\u00fchst\u00fcck, dessen Geschmack ihm nicht  sehr behagte, dann kleidete er sich wanderbereit, und er verlie\u00df das  Haus, um einen Spaziergang durch die W\u00e4lder zu unternehmen. Eine solche  Wanderung hatte ihm h\u00e4ufig geholfen, wenn ihm Tr\u00fcbsal oder Kummer zu  schaffen machten. Er nahm auch die ungl\u00fcckselige Pistole mit, die letzte  noch verbliebene Erinnerung an den Vorfall. Er wollte sie in den H\u00fcgeln  verschwinden lassen. Ein herber Verlust zwar, nicht nur der Wert,  sondern auch die sch\u00f6nen Erinnerungen an vergangene Tage \u2013 doch die  b\u00f6sen Erinnerungen des Vorfalls wollte er damit loswerden. Sicher war er  sich nicht: den Tod des Fremden w\u00fcrde er nie vergessen. Au\u00dferdem m\u00fc\u00dfte  er sich eine Ausrede f\u00fcr seinen Butler ausdenken, dem die Abwesenheit  der Waffe auf jeden Fall auffallen w\u00fcrde.<br> <br> Es war ein hei\u00dfer Tag, so war er froh, da\u00df er schon bald die Lichtung \u2013  in der das Herrenhaus und der gro\u00dfe Garten lag \u2013 verlassen konnte, um  den alten Wanderweg zu betreten. Warum dieser vor langer Zeit durch den  Wald geschlagen wurde, wu\u00dfte nun niemand mehr. Er f\u00fchrte nur zu den  alten H\u00fcgeln im Westen des Dorfes, im S\u00fcdwesen des Herrenhauses. Die  H\u00fcgel lagen am Rande des gro\u00dfen Besitzes der de Elmsings.<br> <br> Mylord de Elmsing liebte diesen Weg, der mitten durch die gro\u00dfen B\u00e4ume  f\u00fchrte, die schon seit langen Zeiten dort wuchsen, sicherlich schon  Urzeiten, bevor die de Elmsings das Land in Besitz nahmen. Hier  sch\u00fctzten die hohen Wipfel der Buchen den Wanderer vor den hei\u00dfen  Strahlen der Sonne w\u00e4hrend der hei\u00dfen Jahreszeit, und im Winter gaben  die dicken St\u00e4mme der B\u00e4ume W\u00e4rme ab, um den Wanderer vor dem Frieren zu  sch\u00fctzen.<br> <br> Manchmal wirkten die Buchen beinahe lebendig, wenn der Wind durch sie  hindurchstrich, wenn kleine Tiere, Eichh\u00f6rnchen vielleicht oder zu ihrer  Brut zur\u00fcckkehrende V\u00f6gel, sie rascheln lie\u00dfen, oder wenn ein Specht  auf der Rinde trommelte. Dann jedoch, wenn der Winter wieder eingekehrt  war, wirkten die Baumriesen nahezu wie tot, wenn die Bl\u00e4tter und die  V\u00f6gel sie verlassen hatten, und die kleinen Tiere den langen Schlaf  angetreten waren. Und eine eigenartige, Melancholie erweckende Stimmung  befiel den Wanderer.<br> <br> Eines jedoch galt in jeder Jahreszeit: der Wald strahlte Frieden aus,  den Frieden, wenn die kleinen Tiere gesch\u00e4ftig, aber ohne die Hektik der  Menschen durch den Wald huschten oder flogen, oder den Frieden, wenn  nahezu vollkommene Ruhe eingekehrt war.<br> <br> Mylord de Elmsing war immer ein Freund des Waldes gewesen, und er liebte  die kleine H\u00fcgelkette, die er nun erreicht hatte. Hier konnte er sich  wieder an seine gl\u00fcckliche Kindheit erinnern, als alles noch einfach  gewesen war, als sie Freunde gewesen waren, er und die Kinder aus dem  Dorf. \u00dcber die H\u00fcgel rannten sie damals, die zwei oder drei kleinen  H\u00f6hlen hatte sie allesamt ausgekundschaftet, die H\u00f6hlen, die nie ein  Erwachsener betreten hatte, denn sie waren meist hinter dichten B\u00fcschen  versteckt, und schon damals hatten sich nur wenige aus dem Dorf ob der  Feen hierhin getraut.<br> <br> Auch jetzt wollte ihn die eigenartige Stimmung, die ihn immer in diesen  H\u00fcgeln ergriff, in Besitz nehmen. Feenh\u00fcgel wurden sie genannt, im  Scherz von ihm und anderen, die hier fr\u00fcher gespielt hatten, doch in  Furcht und Ernst von all den anderen D\u00f6rflern. Vor allem von denen, die  schon die Bl\u00fcte ihrer Jahre hinter sich gebracht hatten, der Jahre, in  denen der Aberglaube noch z\u00e4hlte und nicht der Geist der Zivilisation.<br> <br> Am heutigen Tage aber stie\u00df die Wirkung dieser St\u00e4tte auf eine starke  Barriere. Der Tote wollte nicht vergessen werden. Immer wieder tauchte  er mitten in den angenehmen Erinnerungen auf. Hier an den H\u00fcgeln sogar  noch h\u00e4ufiger als auf dem Weg durch den Welt. Die Leiche k\u00e4mpfte gegen  sch\u00f6ne Erinnerungen in den Landen seiner Gedanken. Pl\u00f6tzlich jedoch  verl\u00f6schten beide miteinander k\u00e4mpfenden Parteien.<br> <br> \u201eEine H\u00f6hle?\u201c fragte sich Mylord de Elmsing erstaunt. \u201eHier?\u201c<br> <br> Es war schon merkw\u00fcrdig. Der Adelige hatte viele sch\u00f6ne Stunden in  diesen H\u00fcgeln erbracht, doch niemals hatte er an dieser Stelle den  Eingang einer H\u00f6hle gesehen. Wurde er langsam verge\u00dflich? Oder war die  H\u00f6hle lange Jahre hinter den B\u00fcschen versteckt gewesen, deren \u00dcberreste  noch immer den dunklen Eingang umrandeten?<br> <br> Der Geist des Erforschers erwachte in Mylord de Elmsing. Die H\u00f6hle  schien von gen\u00fcgend H\u00f6he und Breite auch f\u00fcr einen erwachsenen Menschen  zu sein. Die qu\u00e4lenden Gedanken an den Toten, aber auch die Freude an  der Jugend waren verschwunden, der Abenteuerdrang hatte sie in die  hinterste Ecke seines Sch\u00e4dels verbannt. Der Lord suchte in seinen  Taschen nach irgend etwas, das ihm Licht geben k\u00f6nnte, um einmal in die  H\u00f6hle hineinschauen zu k\u00f6nnen.<br> <br> Das einzige Nennenswerte war eine Schachtel mit Z\u00fcndh\u00f6lzern, gerade gut  genug, um einen kurzen Blick in das Innere zu werfen. Zum Gl\u00fcck gab es  kaum Wind, der die Flamme h\u00e4tte ausblasen k\u00f6nnen. So begab er sich durch  den von gr\u00fcnen Ranken umgegebenen Eingang in die H\u00f6hle, um dort eines  der H\u00f6lzer anzuz\u00fcnden.<br> <br> Verwundert mu\u00dfte er im schwachen Licht der kleinen Flamme feststellen,  da\u00df die H\u00f6hle tiefer in die H\u00fcgelkette hineinzuf\u00fchren schien. Vorsichtig  machte er ein paar Schritte, dann verlosch seine Lichtquelle. Er jedoch  nahm einfach ein neues Holz, um noch ein wenig tiefer eindringen zu  k\u00f6nnen; danach noch eines und wiederum eines, bis er schlie\u00dflich f\u00fcnf  oder sechs davon verbraucht hatte. Dann pl\u00f6tzlich sp\u00fcrte er einen  starken Schmerz an seinem Kopf, als h\u00e4tte jemand einen Hurley\u2013Schl\u00e4ger  dagegen geh\u00e4mmert. Es wurde dunkel.<br> <br> Myriaden von funkelnden Sternchen umkreisten Mylord de Elmsings Kopf,  der sich anf\u00fchlte, als w\u00fcrde er wegen eines zu gro\u00dfen Inhaltes kurz vor  dem Platzen stehen. Verwundert bemerkte er, da\u00df er auf einem sehr harten  Boden lag. Schlie\u00dflich fiel ihm ein, wo er sich befand.<br> <br> Ob nun ein St\u00fcck aus der Decke gefallen war, oder er unvorsichtigerweise  gegen diese gerannt war, da\u00df war jetzt schwierig zu kl\u00e4ren und auch  vollkommen gleichg\u00fcltig. Ihm wurde sofort bewu\u00dft, da\u00df die verbliebenen  Z\u00fcndh\u00f6lzer nicht nur Licht in diese Angelegenheit bringen w\u00fcrden,  sondern vor allem, da\u00df er ohne diese gar keine Orientierung und keine  Chance hatte, die H\u00f6hle wieder zu verlassen.<br> <br> Der Schrecken war gro\u00df, als er die Schachtel nicht in seiner Tasche  fand. Richtig, er hatte sie in seiner Hand gehalten, als er die  Besinnung verlor. Vorsichtig tastete er am Boden in seiner Umgebung.  Doch die H\u00f6lzer lagen nicht in Reichweite.<br> <br> Jetzt war guter Rat teuer. In welcher Richtung befand sich der Ausgang?  Kein Tageslicht erhellte die H\u00f6hle auch nur ein wenig. Das erschien ihm  seltsam: so weit war er vom Freien Himmel doch nicht entfernt? Der Weg  in der H\u00f6hle war wahrlich nicht lang gewesen.<br> <br> Welche Richtung sollte er nehmen? Wo ging es heraus, wo strebte der Gang  weiter ins Innere der H\u00f6hle? Vorsichtig bewegte sich der Adelige, immer  nach der Wand suchend. Schlie\u00dflich fand er diese.<br> <br> Ihm war kalt. Alles f\u00fchlte sich kalt an. Seine H\u00e4nde, seine Arme, sein  Gesicht. Au\u00dferdem so leicht und schwer zugleich. Wahrscheinlich hatte er  Fieber. War er \u00fcberhaupt hier? Oder war alles nur ein Fiebertraum? Am  liebsten h\u00e4tte er sich hingelegt, ein wenig geschlafen, um das Fieber zu  vertreiben. Doch ihm war klar, da\u00df das sein Tod sein w\u00fcrde. Er war  wirklich hier drau\u00dfen, er hatte sich wirklich den schmerzenden Kopf  gesto\u00dfen, alles war harte Realit\u00e4t \u2013 er mu\u00dfte sich den Weg hinaussuchen.<br> <br> Vorsichtig tastete er in eine Richtung vor. Nur zwei oder drei Schritte  machte er in jeder Minute, die verging. Schritte war eigentlich der  falsche Ausdruck, denn er kroch. Damit wollte er vermeiden, mit einem  falschen Schritt in ein Loch zu treten, sich den Kn\u00f6chel zu verknacksen  oder gar \u2013 mochte das Loch gro\u00df genug sein \u2013 hinunterzufallen. Wenn er  falsch gew\u00e4hlt hatte, dann w\u00fcrde er immer tiefer in die H\u00f6hle  eindringen. Wenn er auf dem richtigen Weg war, dann durfte er aber nicht  umkehren. Er h\u00e4tte gar nicht die Kraft und den Mut besessen, sich  umzuentscheiden, denn gerade seine Furchtlosigkeit war gegangen, Furcht  vor dem Tod hatte den K\u00f6rper besessen gemacht. Niemand konnte ihm hier  helfen, sein Leben hing allein von seinem eigenen Tun ab.<br> <br> War er wirklich soweit vom Eingang entfernt? Nicht einmal der Strahl  eines Sonnenlichtes. War es vielleicht schon Nacht? So lange k\u00f6nnte er  unm\u00f6glich dort gelegen haben. Und wo blieb der Vollmond?<br> <br> Endlos dauerte der Weg. Seine Knie schmerzten. Seine Kr\u00e4fte erlahmten  zusehends. Doch noch immer kein Licht, um ihn herum nur der Geruch  fauler Erde. Er mochte nicht nach der Wand langen, f\u00fcrchtete er doch, in  etwas Ekelerregendes zu greifen.<br> <br> So vergingen Ewigkeiten. Immer wieder einige Meter vorw\u00e4rts, dann mu\u00dfte  er sich ein wenig ausruhen. War er so schwer angeschlagen? Ihn fieberte  stark. Noch immer gab es dieses Verlangen, sich hinzulegen, und das  Verlangen, umzudrehen, in die andere Richtung zu gehen. Doch er h\u00e4tte  kaum die halbe Strecke zur\u00fcck geschafft, das wu\u00dfte er. Ihm blieb nur der  Weg nach vorne, doch die Hoffnung, dieser w\u00fcrde au\u00dfen enden, wurde  immer geringer.<br> <br> Er lie\u00df sich noch einmal nieder, flach auf dem Bauch, dann drehte er  sich auf den R\u00fccken. Alles schmerzte, wirklich alles. Die Knie, das  st\u00e4ndige Kriechen nicht gewohnt; der R\u00fccken, denn diese Haltung war  vielen S\u00e4ugetieren bestimmt, nicht jedoch dem Menschen; die H\u00e4nde&#8230;<br> <br> Da war ein Ger\u00e4usch. Schnell, als w\u00e4ren seine Schmerzen hinweggeblasen  und die Instinkte aufgeweckt, drehte Mylord de Elmsing sich wieder,  sofort kam er wieder auf seine Viere.<br> <br> Er lauschte angestrengt.<br> <br> Ein Schnauben oder ein Keuchen \u2013 es h\u00f6rte sich beinahe wie ein Hund an.  Hatte man ihm Rettung geschickt? Sofort fiel ihm auf, da\u00df niemand von  seinem Schicksal auch nur ahnen konnte, die Dorfbewohner konnten seine  Abwesenheit nicht bemerken, sein Butler konnte noch nicht zur\u00fcck sein.  Au\u00dferdem klang das Schnauben b\u00f6sartig.<br> <br> Was kam da langsam, beinahe siegessicher auf ihn zu? Der verwilderte  Hund eines Bauern vielleicht, m\u00f6glicherweise von Tollwut gepackt, jedes  Lebewesen angreifend? Vielleicht sogar ein Wolf, von denen man jedoch  seit anderthalb Jahrzehnten nichts mehr gesehen hatte. Nur eines war  klar: was auch immer auf ihn zuhielt, es schien ihn f\u00fcr wehrlose Beute  zu halten. Das wollte er auf keinen Fall sein.<br> <br> Pl\u00f6tzlich war das Keuchen ganz nahe. Hatte er sich so versch\u00e4tzt?  Instinktiv rollte er zur Seite. Etwas gro\u00dfes, behaartes streifte ihn. Er  meinte beinahe eine scharfe Kralle zu sp\u00fcren, doch im n\u00e4chsten  Augenblick, als er sich dem Tier wieder zuwand, wu\u00dfte er, das dieses auf  Einbildung beruhen mu\u00dfte. Er hatte keine Schmerzen, nicht einmal die,  die ihn schon die ganze Zeit gequ\u00e4lt hatten; vielleicht aber waren sie  ihm nur nicht mehr bewu\u00dft.<br> <br> Da kam auch schon der zweite Angriff. Das Schnappen eines viel zu gro\u00dfen  Kiefers ert\u00f6nte dicht, viel zu dicht an seinem Kopf, den er aber  geistesgegenw\u00e4rtig zur\u00fcckzog. Er fa\u00dfte an seine Tasche, um die Waffe zu  ziehen. Warum er es dennoch schaffte, rechtzeitig seine Linke vor dem  scharfen Gebi\u00df des wilden Tieren zu sch\u00fctzen, wu\u00dfte er nicht, \u00fcberlegte  er auch nicht. Sein einziges Ziel war seine Waffe. Er hob sie hoch,  zielte dorthin, wo er das Wesen vermutete. Die Chance, es zu t\u00f6ten, war  nur gering, zu ungewi\u00df das Ziel, das bei jedem Angriff seine Lage zu  \u00e4ndern schien; vielleicht w\u00fcrde die Kugel gar von einem felsigen St\u00fcck  der Wand abprallen und ihn selber treffen. Ein Schu\u00df ert\u00f6nte, ein  zweiter, wild scho\u00df der Adelige auf seinen Feind, f\u00fcnf\u2013 oder gar sechs  Mal vielleicht. Doch er h\u00f6rte nur das donnernde Peitschen der sich aus  der Pistole windenden Kugeln. Dann auch noch, wie die Kugeln von der  Wand mehrmals abgelenkt wurden. Kein Aufheulen des Tieres, kein w\u00fctendes  Gebell ob eines Treffers. Als ihn Ohnmacht \u00fcbermannte aufgrund seiner  schwindenden Kr\u00e4fte und der Ersch\u00f6pfung, da wu\u00dfte Mylord de Elmsing, da\u00df  er verloren war.<br> <br> Er kam wieder zu sich. Vorsichtig erhob er sich. Wie lange hatte er  wieder gelegen? Die Schmerzen waren beinahe verschwunden. Er erinnerte  sich kaum noch daran, je welche gehabt zu haben, bis auf ein geringes  Dr\u00f6hnen in seinem Kopf. Die Luft war warm, etwas w\u00e4rmer als zuvor. Er  \u00f6ffnete seine Augen. Da war ein kleiner Streifen Sonnenlicht, nicht weit  von ihm drang dieser in die H\u00f6hle ein. Noch immer war er im Dunkeln,  doch schnell kroch er vorw\u00e4rts, denn aufrichten traute er sich doch  nicht vor Angst, nochmals sich den Kopf zu sto\u00dfen. Als er endlich das  Licht erreichte, erhob er sich vorsichtig und hielt auf den Ausgang zu.  Kurze Zeit sp\u00e4ter stand er wieder im Freien.<br> <br> \u00dcbergl\u00fccklich vor Freude begr\u00fc\u00dfte er die frische Natur um sich herum,  den Duft der W\u00e4lder, den nassen Geruch der Gr\u00e4ser. Es mu\u00dfte geregnet  haben. Doch \u2013 ihm war es vorgekommen, als seien Ewigkeiten vergangen, in  Wirklichkeit hatte er wohl nur einige Stunden in der H\u00f6hle gelegen. Die  tiefe Nachmittagssonne strahlte im Westen \u2013 er m\u00fc\u00dfte sich beeilen, noch  vor der Dunkelheit nach Hause zu gelangen.<br> <br> Alles war nur ein Traum gewesen. Kein Wunder, h\u00e4tte er doch den Kadaver  des Tieres finden m\u00fcssen bei seinem erneuten Aufwachen \u2013 das ja  eigentlich das erste war. Auch die L\u00e4nge der H\u00f6hle: unm\u00f6glich konnte sie  so lang sein, wie es ihm im Traum vorgekommen war. In so einem kleinen  H\u00fcgel war kein Platz f\u00fcr eine gro\u00dfe H\u00f6hle. Eigentlich h\u00e4tte er zornig  sein m\u00fcssen auf sich selbst nach so einem t\u00f6lpelhaften Abenteuer. Er  hatte sich wie ein Kind benommen in Angesicht einer dunklen \u00d6ffnung in  einem Berg. Doch er war nur gl\u00fccklich dar\u00fcber, heil wieder hinausgelangt  zu sein. \u00dcber all dieses hinaus hatte er sogar den Toten vergessen \u2013  wobei ihm selbst nat\u00fcrlich das nicht bewu\u00dft war.<br> <br> Tats\u00e4chlich war die Sonne schon untergegangen, als er seine Haust\u00fcr  krachend ins Schlo\u00df zur\u00fcckfallen lie\u00df. Einfach herrlich, wieder in den  eigenen vier W\u00e4nden zu sein. Er atmete den Duft des Gem\u00e4uers ein,  beinahe ein kleines Lied pfeifend \u2013 er h\u00e4tte gepfiffen, wenn er dieses  vermocht h\u00e4tte, doch Pfeifen geh\u00f6rte nicht zu seinen vorz\u00fcglichen  F\u00e4higkeiten.<br> <br> W\u00e4re der H\u00f6hlentraum wahr gewesen, h\u00e4tte er dieses Herrenhaus nie wieder  gesehen. In freudiger Erinnerung ging er langsam auf die K\u00fcchent\u00fcr zu.<br> <br> Doch da rief ihm eine Stimme vom Fu\u00dfe der gro\u00dfen Treppe zu, er solle  sich erkl\u00e4ren. Was h\u00e4tte er hier zu suchen? Bevor er \u00fcberlegen konnte,  hatte Mylord de Elmsing die Waffe in der Hand, er drehte sich herum,  zielte auf den Fremden, der ebenfalls eine Pistole erhob.<br> <br> Irgend etwas erinnerte ihn. Irgend etwas lie\u00df ihn nicht feuern. Seine  Position, der Ruf, die Stimme; das ferne Knistern eines Kamins, der  schwarze Schnurrbart, das gepflegte Gesicht, der Geruch feiner Zigarren \u2013  er erstarrte mitten in der Schu\u00dfbewegung. Ein Schu\u00df l\u00f6ste sich. Ein  Kugel durchbohrte ihn. Er starb.<br> <br> Als seine Seele sich erhob, wu\u00dfte er, da\u00df er sich selbst ermordet hatte.  Das perfekte Verbrechen war ihm gelungen. 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