{"id":195,"date":"2007-12-12T21:01:13","date_gmt":"2007-12-12T21:01:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.palandun.de\/?p=195"},"modified":"2020-02-26T21:01:42","modified_gmt":"2020-02-26T21:01:42","slug":"winter-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palandun.de\/index.php\/2007\/12\/12\/winter-in-deutschland\/","title":{"rendered":"Winter in Deutschland"},"content":{"rendered":"\n<p>\nEine gro\u00dfe Stadt. Ein Hochsicherheitstrakt. Ein Anwalt und ein Mann im Gespr\u00e4chszimmer.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Tja, Herr &#8230; wie soll ich sie nennen?&#8220;<br>&#8222;Sie k\u00f6nnen mich Klaus nennen. Tun alle hier.&#8220;<br>&#8222;Herr Klaus, &#8230;&#8220;<br>&#8222;Einfach nur Klaus.&#8220;<br>&#8222;Gut. Also Klaus, Sie&#8230;&#8220;<br>&#8222;Und duzen. Das tun alle.&#8220;<br>&#8222;Na\n gut, Klaus. Ich fang mal damit an: Du hast wirklich das gr\u00f6\u00dfte \nStraftatenregister, dass ich je gesehen habe. Es wird nicht leicht \nsein.&#8220;<br>&#8222;Aber ich habe es doch nur gut gemeint.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Mal eine \nkleine Unterbrechung: w\u00e4hrend der Anwalt, ein Pflichtverteidiger, seine \netwas abgetragene Robe tr\u00e4gt, ist Klaus nat\u00fcrlich in Gef\u00e4ngniskleidung \nzu sehen. Klaus ist sehr beleibt, hat wildes wei\u00dfes Haar und einen \npassenden Bart. Der Anwalt verschwindet beinahe, wenn man die beiden von\n der Seite betrachtet. Klein und d\u00fcnn, schwarzhaarig mit Hang zur Glatze\n &#8211; damit ist er beinahe Klausens Gegenteil. Im Gespr\u00e4chszimmer gibt es \nansonsten nicht viel: einen Aktenkoffer &#8211; den hat der Anwalt \nmitgebracht. Zwei Gl\u00e4ser und eine Flasche Wasser haben die W\u00e4rter \nbereitgestellt, au\u00dferdem &#8211; h\u00f6chst ungew\u00f6hnlich &#8211; ein paar Pl\u00e4tzchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun\n aber weiter im Text. Wir erinnern uns: vor der Unterbrechung meinte \nKlaus, er h\u00e4tte es nur gut gemeint. Der Anwalt darf weiter sprechen:<br>&#8222;Klaus, das wei\u00df ich doch. Aber viele behaupten das.&#8220;<br>&#8222;Und ich wusste gar nicht, dass ich damit gegen eure Gesetze versto\u00dfe.&#8220;<br>&#8222;Das habe ich auch schon h\u00e4ufig geh\u00f6rt, hilft aber nichts: Unwissenheit sch\u00fctzt vor Strafe nicht. Leider.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Erstmal Schweigen. Dann redet der Rechtsb\u00e4ndiger weiter:<br>&#8222;Wir\n brauchen als allererstes eine Strategie. Ich schlage vor, wir gehen \neinfach mal alle Anklagepunkte durch. Ein Freispruch halte ich f\u00fcr \nAussichtslos&#8230;&#8220; Klaus zuckt zusammen.<br>&#8222;&#8230; aber wir k\u00f6nnten wenigstens ein paar Punkte bei geeigneter Verteidigung von der Liste streichen. Und daf\u00fcr haben Sie&#8230;<br>&#8222;Du.&#8220;<br>&#8222;&#8230; hast Du ja mich. Gut fangen wir an.&#8220;<br>Er nimmt einen eng bedruckten Zettel und einen Stift zur Hand.<br>&#8222;Punkt 1 ist Hausfriedensbruch in 25223 erwiesenen F\u00e4llen, dabei ist die vermutete Dunkelziffer um ein vielfaches gr\u00f6\u00dfer.&#8220;<br>&#8222;Hausfriedensbruch?&#8220;<br>&#8222;Du bist ohne Erlaubnis in die H\u00e4user eingestiegen.&#8220;<br>&#8222;Aber die wussten doch alle, dass ich komme.&#8220;<br>&#8222;Das hilft nicht. Du musst sie um Erlaubnis bitten.&#8220;<br>&#8222;Manche haben mir sogar Pl\u00e4tzchen hingestellt.&#8220;<br>&#8222;Bist\n Du dir sicher, dass die f\u00fcr dich waren? Wenn nicht, haben wir dann noch\n einen Fall von Mundraub. Pardon: mindestens 1000 F\u00e4lle von Mundraub&#8230; \nund wenn ich die Anzahl so betrachte, dann kann ich nicht daran glauben,\n dass wir auch auf Notstand pl\u00e4dieren k\u00f6nnten. Nun gut, gehen wir mal \ndavon aus, dass die Pl\u00e4tzchen f\u00fcr dich waren&#8230; aus der Pl\u00e4tzchengabe \nd\u00fcrfte konkludent folgen, dass diese Leute dich eingeladen haben. Wir \nm\u00fcssten jetzt jeden einzelnen als Zeugen befragen, aus welcher Situation\n heraus er die Pl\u00e4tzchen hingestellt hat. Au\u00dferdem sollten wir sowieso \njeden befragen, ob er dich freiwillig eingelassen hat. Ich sehe da \nChancen, die Fallzahl weitaus zu verringern. Das macht die Sache aber \nnicht viel besser.&#8220;<br>Der Anwalt ist, das sollte man erw\u00e4hnen, nicht \nnur ein Pedant, sondern auch ein Tiefstapler. Sein Vorteil daraus: die \nMandanten sind sp\u00e4ter froh, wenn er nur ein wenig Straferleichterung \nverschafft hat. Das ist ein guter Tipp f\u00fcr Anw\u00e4lte: versprecht nicht zu \nviel. Und f\u00fcr Nicht-Anw\u00e4lte: falls ihr Wunder haben wollt, geht nicht zu\n Anw\u00e4lten.<br>&#8222;Nun weiter: Du hast keinen Gewerbeschein?&#8220;<br>&#8222;Wof\u00fcr?&#8220;<br>&#8222;Aber Du machst es ja auch nicht f\u00fcr Geld.&#8220;<br>&#8222;Niemals.&#8220;<br>&#8222;Gut,\n dann k\u00f6nnen wir diesen Punkt wahrscheinlich streichen. Wir m\u00fcssen \nnat\u00fcrlich Beweise vorlegen. Da Du keine Gewinnerzielungsabsicht hast, \nbrauchst Du eigentlich keinen Gewerbeschein. Da hat die \nStaatsanwaltschaft doch mal was \u00fcbersehen. Wobei: dir ist schon klar, \ndass Du mit der Ausgabe der Gegenst\u00e4nde die Wirtschaft nachhaltig \nsch\u00e4digst? Du verteilst Sachen im Wert von vielen Millionen Euro im \nJahr, die ansonsten die Wirtschaft an den Mann bringen k\u00f6nnte. Und die \nSteuerausf\u00e4lle. Auf diesen Punkt hat der Staatsanwalt allerdings nach \neinem kurzen Gespr\u00e4ch verzichtet, Wirtschaftsrecht ist auch eine \nschwierige Sache.&#8220;<br>Noch mal ein kleiner Kommentar: wer ist eigentlich\n dieser Staat, wenn er gleich einen eigenen Anwalt haben muss &#8211; bzw. \nsogar eine Horde davon&#8230; einen eigenen Anwalt hat sonst nur das \norganisierte Verbrechen oder ganz gro\u00dfe Firmen, was auf das gleiche \nhinausl\u00e4uft.<br>&#8222;K\u00f6nnen wir mal die gesetzeswidrigen Kommentare aus dem Off sein lassen? Wir sind hier die Hauptfiguren.&#8220;<br>Tschuldigung.<br>&#8222;Das\n gleiche gilt \u00fcbrigens f\u00fcr die Paketbef\u00f6rderung. Diese ist ja seit \neinigen Jahren auch anderen Unternehmen als der Deutschen Post erlaubt. \nDie vorherigen \u00dcbertretungen deinerseits sind zwar noch nicht verj\u00e4hrt, \nhier verzichtet der Staatsanwalt aber ebenfalls.&#8220;<br>&#8222;Ein netter Mann.&#8220;<br>&#8222;Ich verbitte mir Sarkasmus.&#8220;<br>&#8222;Als Kind war er immer ganz brav.&#8220;<br>&#8222;Das\n m\u00fcssen wir aber vor Gericht nicht unbedingt auf den Tisch bringen. Vor \nGericht rede ich besser alleine, Du nur, wenn Du gefragt bist und nach \nR\u00fccksprache mit mir.&#8220;<br>&#8222;Wenn es denn sein muss&#8230;&#8220;<br>&#8222;Kommen wir nun \nzu den verkehrstechnischen Dingen. Hier sehe ich keine M\u00f6glichkeiten. \nDas Flugger\u00e4t ist nicht T\u00dcV-abgenommen und Du hast keine \nPilotenausbildung. Diese Punkte m\u00fcssen wir glaube ich einr\u00e4umen. Zu \ndeiner Geschwindigkeits\u00fcberschreitung auf dem Boden k\u00f6nnen wir \nsicherlich argumentieren, dass diese nur f\u00fcr Autos und \u00e4hnliche \nFortbewegungsmittel gelten, nicht aber f\u00fcr &#8211; wenngleich unerlaubt \nbenutzte &#8211; Flugmittel.&#8220;<br>&#8222;Aber wie soll ich denn das alles schaffen ohne meinen Schlitten?&#8220;<br>&#8220; Nebenbei halte ich einen fliegenden Schlitten f\u00fcr ausgesprochen altmodisch, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben kann.&#8220;<br>&#8222;Aber meine Rentiere m\u00f6gen das.&#8220;<br>&#8222;So,\n die Rentiere. Hmm. Da sehe ich auch Schwierigkeiten. Unsachgem\u00e4\u00dfe Zucht\n und Haltung von Tieren. Versto\u00df gegen das Tierschutzgesetz, Paragraph \n&#8230; Moment&#8230;&#8220;<br>&#8222;Aber sie haben es gut bei mir.&#8220;<br>&#8222;Ob sie es gut haben oder nicht bestimmt schon der Staat.&#8220;<br>&#8222;Aber sie leben jetzt seit \u00fcber 1000 Jahren bei mir, und es geht ihnen gut. Es ist noch nie eins gestorben.&#8220;<br>&#8222;Hmm,\n das sollten wir besser nicht vorbringen. 1000 Jahre alte Tiere&#8230; das \nl\u00e4sst schon auf schlimme Sachen wie Genmanipulation oder \nMedikamentengabe schlie\u00dfen.&#8220;<br>&#8222;Aber ich habe nie&#8230;&#8220;<br>&#8222;Es geht nicht\n darum, was Du hast. Es geht darum, was strafbar ist. Und wenn wir \ngerade bei deinem Schlitten sind: wir sollten geltend machen, dass Du \nDeutschland nur aus Staaten her betreten&#8230; gut, beflogen hast, die dem \nSchengener Abkommen angeh\u00f6ren. Strikt genommen bist Du ja schon ein \nillegaler Einwanderer.&#8220;<br>&#8222;Aber ich war schon hier, als keiner von euch Deutschen hier war.&#8220;<br>&#8222;Das\n tut nun wirklich nicht zur Sache. Ich denke aber, dass sie uns nicht \nbeweisen k\u00f6nnen, dass Du \u00fcber die falschen Grenzen gekommen bist. Auf \nRadar wirst Du ja nicht erfasst.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mal was anderes: Ich hoffe, dass Du keine Geschenke mit einem Wert von \u00fcber 5200 Euro verteilst.&#8220;<br>&#8222;Eher selten.&#8220;<br>&#8222;Selten?&#8220;<br>&#8222;Bei ein paar Leuten kommt es jedes Jahr vor.&#8220;<br>&#8222;Hmm, dann m\u00fcssen die Leute Schenkungssteuer zahlen, solange sie nicht mit der verwandt sind.&#8220;<br>&#8222;Aber ich schenke ihnen doch&#8230;&#8220;<br>&#8222;So ist das halt.&#8220;<br>Tja, so ist das halt. Und weil das halt so ist, ist auch die Besuchszeit zu Ende.<br>&#8222;Mach\n dir keine Sorgen, Klaus. Mit ein wenig Geschick meinerseits k\u00f6nnen wir \ndie Gesamtstrafe unter 10 Jahre dr\u00fccken. Das ist f\u00fcr dich doch nichts. \nAber benimm dich gut. Geb\u2019 alles zu, was wir nicht abstreiten k\u00f6nnen, \nund sag dem Richter, dass Du deine Taten bereust.&#8220;<br>&#8222;Aber ich bereue sie doch gar nicht.&#8220;<br>&#8222;Du sollst auch nicht bereuen, du sollst es dem Richter sagen. Das reicht vollkommen aus. Gut, wir sehen uns morgen wieder.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>So,\n und um die Geschichte trotzdem noch zu einem guten Ende zu bringen: der\n Weihnachtsmann wurde freigesprochen und ist auch wieder jedes Jahr \nunterwegs. Und zwar ohne Probleme. Der Richter hat n\u00e4mlich \nherausgefunden, dass er ihn gar nicht verurteilen kann. Die \nRechtsf\u00e4higkeit beginnt n\u00e4mlich mit der Vollendung der Geburt. Die ist \nvollendet, wenn ein Kind aus dem Mutterleib ausgetreten ist. Der \nWeihnachtsmann ist aber eine Sagengestalt und war nie in einem \nMutterleib, er wurde auch gar nicht geboren. Deswegen darf man den \nWeihnachtsmann gar nicht verurteilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, wenn ihr alle artig \nwart, dann kommt er auch zu euch. Und weil Schenken soviel Spa\u00df macht &#8211; \nder Weihnachtsmann wei\u00df das &#8211; schenke ich euch vorher schon diese \nGeschichte. Ich hoffe, sie gef\u00e4llt euch.\n                \t\t\t\t\t              \n\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine gro\u00dfe Stadt. Ein Hochsicherheitstrakt. Ein Anwalt und ein Mann im Gespr\u00e4chszimmer. &#8222;Tja, Herr &#8230; wie soll ich sie nennen?&#8220;&#8222;Sie k\u00f6nnen mich Klaus nennen. Tun alle hier.&#8220;&#8222;Herr Klaus, &#8230;&#8220;&#8222;Einfach nur Klaus.&#8220;&#8222;Gut. Also Klaus, Sie&#8230;&#8220;&#8222;Und duzen. Das tun alle.&#8220;&#8222;Na gut, Klaus. 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