{"id":223,"date":"2004-12-10T21:14:11","date_gmt":"2004-12-10T21:14:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.palandun.de\/?p=223"},"modified":"2020-02-26T21:14:56","modified_gmt":"2020-02-26T21:14:56","slug":"medizinmann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palandun.de\/index.php\/2004\/12\/10\/medizinmann\/","title":{"rendered":"Medizinmann"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\nEr glaubte nicht, was er las, und doch wusste er, dass es so war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Falscher Arzt aufgeflogen.<br>Immer\n wieder h\u00f6rte Frank T. aus L. den Polizeifunk ab und r\u00fcckte bei \nEins\u00e4tzen mit Verletzten als Notarzt an. Er erschien in gr\u00fcner \nOP-Kleidung und behandelte die Verletzten. Im Prozess wurde er zu 1260 \nEuro Geldstrafe verurteilt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entsetzt liess er die Zeitung sinken.\n &#8222;Sie haben ihn noch nicht einmal eingesperrt&#8220; murmelte er. &#8222;Noch nicht \nmal Bew\u00e4hrung. Sie lassen ihn einfach davonkommen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Hmm?&#8220; fragte die blonde, noch schlaftrunkene Frau, die ihm gegen\u00fcber am Fr\u00fchst\u00fcckstisch sa\u00df. &#8222;Wen haben sie nicht was?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er\n dachte nach. Er erinnerte sich. 16 Jahre war es her, und 16 war er \ndamals gewesen. Seine erste Liebe. Es war der Sommer seines Lebens. Nie \ndanach war er so gl\u00fccklich. Doch bei Liebe weiss man nie: es gibt solche\n und solche. Es gibt Lieben, die leise doch stetig sind, und es gibt \nLieben, die hoch und schnell brennen wie ein grosses Freudenfeuer, doch \nbald sind sie ausgebrannt. Ihr Liebe war so schnell vergangen, und \ndanach gingen sie ihrer Weg<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwischendurch hatten sie sich gesehen\n &#8211; das lies sich kaum vermeiden. Sie war in die Stadt gezogen, er lebte \nnoch immer in ihrer beider Geburtsort, nur 20 Kilometer von der Stadt \nentfernt. Zweimal war ihre Liebe neu entfacht, doch nur f\u00fcr ein paar \nTage, bis sie sich wieder \u00fcberdr\u00fcssig waren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Er hat Tanja umgebracht.Und jetzt zahlt er gerade mal eine Geldstrafe. So wenig. Als ob sie nichts wert sei.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Werner\n verlie\u00df das Haus mit schlechter Laune. Susanne machte sich Sorgen. Sie \nwusste von Tanjas Tod. Ein Unfall. Eine zu schnelle Fahrt. Tanja war \nimmer in Eile. Sie arbeitete bei einer Consulting-Firma. Flog in ferne \nSt\u00e4dte, oder sogar in ferne L\u00e4nder. Immer in Eile. Und die Eile hatte \nsie get\u00f6tet. Beim \u00dcberholen eines Lastwagens stiess ihr Wagen mit einem \nanderen zusammen. Sie starb noch am selben Abend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es hatte \nUngereimtheiten gegeben. Niemand kannte den Arzt, der als erstes beim \nUnfallort war. Erst sp\u00e4ter konnte man ihn ermitteln. Denn er war kein \nArzt, nur ein Pfleger. Nat\u00fcrlich wurde er angeklagt. Jetzt war der \nProzess vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun war es abend. Susanne machte sich noch mehr \nSorgen. Werner war nicht zur\u00fcckgekommen. Normalerweise kam er um sechs \nUhr nach Hause, wollte Essen. Doch das Essen war mittlerweile kalt \ngeworden. Sie nahm den Autoschl\u00fcssel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einer kalten, grauen \nSiedlung suchte Werner nach einem Klingelschild. Er fluchte. Das ganze \nHaus war verschmuddelt. Die Klingelschilder waren kaum zu entziffern, \ndaf\u00fcr aber zahlreich. Endlich fand er das richtige. Er klingelte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es\n dauerte einige Minuten, w\u00e4hrend der er zweimal klingelte. Danach liess \ner einfach seinen Finger auf der Klingel. Er wollte eine Reaktion. Da \n\u00f6ffnete ein alter Mann die T\u00fcr. Werner sprach ihn mit dem Namen am \nKlingelschild an. Der Alte nickte. Da zog Werner die Pistole. &#8222;Wir gehen\n in ihre Wohnung.&#8220; Der alte Mann erschrak nicht. Werner hatte alles \nerwartet: Angst, Wut, vielleicht einen Verteidigungsversuch&#8230; Doch der \nAlte wirkte, als w\u00fcrde es ihn gar nichts angehen. Er ging vor ihm die \nTreppe hoch, drei Stockwerke, und sie traten in seine kalte Wohnung. Nur\n einige Kerzen gaben Licht. Die Lampe an der Decke hatte keine Birne. \nDer alte Mann deutete auf einen der beiden St\u00fchle am kleinen Tisch, und \nsetzte sich auf den anderen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Kerzenschein sah Werner, dass der\n Mann gar nicht so alt war. Vielleicht sogar j\u00fcnger als er selbst. Doch \ner wirkte gebrochen. Beinahe leblos. Sein grau werdendes Haar war \nungek\u00e4mmt, er war unrasiert. Sein gebeugter Gang hatte Werner get\u00e4uscht.\n Werner wusste nicht, was er jetzt machen sollte. Es w\u00e4re so einfach \ngewesen, wenn der Mann ihn angegriffen h\u00e4tte. Oder wenn er um Gnade \ngebeten h\u00e4tte. Er h\u00e4tte ihn niedergeschossen, er h\u00e4tte Tanja ger\u00e4cht. \nDoch so?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beide schwiegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Zimmer war beinahe leer. Ein\n Wohnzimmerschrank, alt, mehr vom Staub als von N\u00e4geln gehalten. Die \nbeiden St\u00fchle, der Tisch. Zwei T\u00fcren. Auf dem Tisch ein Glas, eine \nhalbvolle Flasche. Und ein Bild. Eine h\u00fcbsche Frau, vielleicht Anfang \n30, auf keinen Fall \u00e4lter. Der Mann bemerkte seinen Blick. &#8222;Magda. Mein \nM\u00e4uschen. Ist gestorben bei Unfall.&#8220; Er sprach nur gebrochen deutsch. \nUnd er sprach sehr leise, als w\u00fcrde er f\u00fcr jedes der Worte Motivation \nbrauchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das erinnerte Werner wieder an Tanja und an den Grund, weswegen er hier war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Sie haben Tanja ermordet.&#8220;<br>Der Mann sch\u00fcttelte langsam und traurig den Kopf: &#8222;Ich nur helfen.&#8220;<br>&#8222;Was ist das f\u00fcr eine Hilfe? Sie haben sich als Arzt ausgegeben, obwohl sie keiner sind.&#8220;<br>&#8222;Ich Arzt.&#8220;<br>&#8222;Sie sind nur ein Pfleger.&#8220;<br>&#8222;Ich\n Arzt.&#8220; Pl\u00f6tzlich wirkte es, als w\u00fcrde Leben in ihn zur\u00fcckfliessen. Er \nsprach lauter. &#8222;Ich Arzt damals in Heimat. Dann wir nach Deutschland. \nMagda wollte. Doch Deutsche sagen, ich nicht Ausbildung von Deutschland.\n Ich sagen: Gut, ich mache Ausbildung von Deutschland. Sie sagen: nein, \nstudieren zu sp\u00e4t.\u201c Dann wurde er wieder langsamer und leiser. \u201eIch dann\n pflege alte Menschen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hielt inne. Werner sah ihn an. \nUnschl\u00fcssig. Der Mann bemerkte den Blick, und fuhr doch wieder fort. \n&#8222;Eines Tages wir Autofahren. Da ich unaufmerksam. Auto rutscht. \nLastwagen da. Dann Leute da. Holen mich und Magda aus Auto. Ich \ngebrochen Arm. Magda nicht r\u00fchren. Sie aber nicht lassen mich zu Magda. \nDauern lange bis kommen Arzt. Dann ich bewusstlos wieder. Als ich wieder\n wach, ich in Krankenhaus. Will sehen Magda. Doch Arzt sagen: sp\u00e4ter.&#8220; \nEr hielt wieder inne. Werner glaubte, Tr\u00e4nen in seinen Augen zu sehen. \nDoch vielleicht t\u00e4uschte das Licht. &#8222;Erst 2 Tage danach sie sagen, dass \nMagda gestorben. Ich weiss, dass Arzt war zu sp\u00e4t bei Unfall. Sonst sie \nnoch gelebt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Werner bemerkte ein raues Gef\u00fchl in seiner Kehle, als er sprach: &#8222;Aber warum sind sie dann zu Tanjas Unfall gefahren? Warum?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der\n Mann wurde wieder leiser. &#8222;Ich lange gesessen zuhause. Konnte nicht \narbeiten, wegen Arm. Dann ich gedacht. Magda nicht wollte, dass ich \nnichts tu. Sie immer gesagt, man muss helfen Menschen. Da ich gefasst \nEntschluss. Ich mir gekauft Funk und genommen gr\u00fcnen Kittel von Arzt, \nwas war alt. Und dann ich Funk von Polizi geh\u00f6rt. Ist leicht. Und dann \nich helfen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er kam langsam in Fahrt. Werner wurde noch \nunbehaglicher zu Mute. Er rutschte auf dem Stuhl hin und her. &#8222;Ich nie \nwollte t\u00f6ten. Ich immer helfen. Ich Arzt. Doch ich nicht Wunder. Diese \nFrau war sterben. Ich alles versucht, bis deutsches Arzt kam. Doch alles\n umsonst.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Ich in Gef\u00e4ngnis, weil ich nicht Arzt in Deutschland.\n Doch deutsches Arzt gesagt, ich alles richtig gemacht. Er sagen, nur so\n sie gehabt Chance zu leben. Richter ihm glauben. Ich nur kleine Strafe \nweil so sein muss.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Werner wollte ihm nicht glauben. Er wollte \nihn anschreien, ihm sagen, dass er l\u00fcgt. Doch konnte er nicht. Er musste\n sich etwas eingestehen: Er glaubte ihm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann steckte er die \nPistole ein. Der Mann holte ihm ein Glas, goss ihm ein. Sie tranken. \nLange. Der Mann sprach von der alten Heimat, und er sprach vom \nverheissenen Deutschland. Werner schwieg. Und sch\u00e4mte sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf \nder Bundesstrasse standen zwei ineinander verkeilte Autos. Jemand rief \nden Notarzt. Doch er kam erst eine halbe Stunde sp\u00e4ter. Vielleicht h\u00e4tte\n man Susanne vorher retten k\u00f6nnen.\n\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er glaubte nicht, was er las, und doch wusste er, dass es so war. Falscher Arzt aufgeflogen.Immer wieder h\u00f6rte Frank T. aus L. den Polizeifunk ab und r\u00fcckte bei Eins\u00e4tzen mit Verletzten als Notarzt an. Er erschien in gr\u00fcner OP-Kleidung und behandelte die Verletzten. Im Prozess wurde er zu 1260 Euro Geldstrafe verurteilt. 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