{"id":227,"date":"2009-03-25T21:17:00","date_gmt":"2009-03-25T21:17:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.palandun.de\/?p=227"},"modified":"2020-02-26T21:18:17","modified_gmt":"2020-02-26T21:18:17","slug":"der-sonne-entgegen-von-corinna-vanvlodorp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palandun.de\/index.php\/2009\/03\/25\/der-sonne-entgegen-von-corinna-vanvlodorp\/","title":{"rendered":"Der Sonne entgegen (von Corinna Vanvlodorp)"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich habe den Schleier gel\u00fcftet.<br>\nWie ein Vogel bin ich geflogen, meine Federn zur Sonne gestreckt.<br>\nUnbedeckt. Leuchtend. Frei. <br>\n<br><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe alles gegeben und alles<br>\nriskiert. Aber wie solltest Du wissen, wovon ich rede?<br><\/p>\n\n\n\n<p>Heimatlose sind wir doch, Du und ich.<br>\nGefangene waren wir beide. Du, der Gefangene Deines Geistes. Eines<br>\nHauses fester gemauert als Stein und Stacheldraht aus Ehre und Blut.<br>\nGefangen in Traditionen, die zu Dir fl\u00fcsterten aus den M\u00e4rchen<br>\nder Alten. Die Dich des Nachts heimsuchten, mit rauchigen Stimmen,<br>\nbei Tee und Shisha, ged\u00e4mpft durch zu enge W\u00e4nde, wo Du<br>\nDich in den Schlaf weintest. Hier in der Fremde. <br>\n<br><\/p>\n\n\n\n<p>Und ich \u2013 ich war die Gefangene<br>\nmeines Geschlechts, und Deine. Und doch hatte ich eine Wahl. Ist es<br>\nnicht das, was die Freiheit ausmacht? Das wir die Wahl haben, diese<br>\noder jene Konsequenzen zu erleiden? Habe ich das alles gew\u00e4hlt?<br>\nAls ich dem\u00fctig und bedeckt das Haus verlie\u00df, als ich<br>\nging,  viel fr\u00fcher als n\u00f6tig, nur um in der Schule die<br>\nKleidung zu tauschen, was habe ich da gedacht? Dass Sie es nicht<br>\nsehen k\u00f6nnen. Aber Du hast es doch gesehen. Habe ich Dir<br>\nvertraut? Wie war das, als sie Dich hoch hoben, damals, in dieser<br>\nfremden Welt, damit Du unsere Mutter und ihr neugeborenes Leben<br>\nbestaunen konntest, mich? Hast Du da schon beschlossen zum W\u00e4chter<br>\nmeiner Tugend zu werden? Oder war es als Du hier keine Wurzeln bilden<br>\nkonntest, dass Du Dir Wurzeln geschaffen hast in eine Welt und<br>\nVergangenheit, die es f\u00fcr mich nicht gibt? H\u00e4tte ich wissen<br>\nsollen, dass der Preis so hoch ist, als meine R\u00f6cke k\u00fcrzer<br>\nwurden und meine Haare im Wind wehten? Als das gekaufte Rot meine<br>\nLippen zum Leuchten brachte? Und meine Lippen die Augen des Jungen,<br>\ndessen Gesicht Du nicht kennst und dessen Namen Du niemals erfahren<br>\nwirst. <br>\n<br><\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht habe ich es gew\u00e4hlt.<br>\nVielleicht sind sechzehn Jahre zu jung um Deine hilflosen Schreie zu<br>\nverstehen, die Du mit selbstverst\u00e4ndlicher Gewohnheit und tiefer<br>\nInbrunst in meinen K\u00f6rper getrieben hast. Faust um Faust. Ich<br>\nhabe Dein ertrinkendes Ringen um Heimat nie verstanden. Fremd war ich<br>\nvor allem Zuhause. Die Macht der Gewohnheit, sagt man hier. Ihr<br>\nhattet mich fort geschickt, auf dass ich geheilt zur\u00fcck kehre.<br>\nGenesen von den Geschw\u00fcren dieser l\u00fcsternen westlichen<br>\nWelt. Und als ich zur\u00fcck kehrte? Ich habe mich bedeckt gehalten.<br>\nEine Zeit. Dann rief sie mich wieder, die Macht der vertrauten<br>\nfremden Welt, die mich anzog. Unabdingbar. Mich mit sich nahm. Und in<br>\nder ich doch nicht bleiben konnte. Ich h\u00e4tte weglaufen k\u00f6nnen,<br>\naber die Fesseln waren zu stark. Ist es dieselbe Fessel, die Vater<br>\ndazu brachte mich zu schlagen, wieder und wieder, bis ich zitternd am<br>\nBoden, mich kaum noch r\u00fchren konnte, die gleiche, die Deinen<br>\nBruder, meinen Bruder dazu bringt, mich festzuhalten, bis ich ohnehin<br>\nden Schl\u00e4gen nicht mehr entfliehen kann? Ich habe ihn gebadet<br>\nund seine Nase geputzt. Ist das Liebe? <br>\n<br><\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich hatte die Wahl. Ich h\u00e4tte<br>\nnicht zur\u00fcckkehren m\u00fcssen, als sie mich mit sich genommen<br>\nhatten, getragen auf den Armen der Staatsgewalt, weil ich nicht mehr<br>\ngehen konnte. <br>\n<br><\/p>\n\n\n\n<p>War diese Entscheidung die<br>\nAlles-entscheidende? Dass ich mit ihnen ging? War das die Wahl, die<br>\nalles besiegelt hat? Oder war es der Moment, wo wir uns trafen, Du<br>\nund ich. Zwei Gefangene an den Ketten ihrer Gewohnheiten. Was habe<br>\nich erwartet, als ich Deinen Anruf bekam, Frieden? H\u00e4tte ich<br>\nnicht wissen m\u00fcssen, dass Frieden und Freiheit selten die<br>\ngleiche Stra\u00dfe beschreiten? <br>\n<br><\/p>\n\n\n\n<p>Und Du? Hast Du gew\u00e4hlt? Als Du<br>\ndas Messer in mich getrieben hast, wieder und wieder, als mein Blut<br>\nden Bahnsteig bedeckte, sich \u00fcber Dich ergoss, mein Blut,<br>\ndasselbe Blut wie Deins, hast Du gew\u00e4hlt? Als ich starb, dort<br>\nauf dem Platz vor dem Bahnhof, hast Du gew\u00e4hlt? <br>\n<br><\/p>\n\n\n\n<p>Oder musste ich diese Wahl f\u00fcr<br>\nDich treffen? Habe ich das mit meinem Leben entschieden, meine<br>\nSchande, Deine Schande? Und Du, hast Du jetzt eine Heimat gefunden?<br>\nBist Du jetzt frei? Fliegst Du, leuchtend, einem Vogel gleich, der<br>\nSonne entgegen \u2013 unbedeckt?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe den Schleier gel\u00fcftet. Wie ein Vogel bin ich geflogen, meine Federn zur Sonne gestreckt. Unbedeckt. Leuchtend. Frei. Ich habe alles gegeben und alles riskiert. Aber wie solltest Du wissen, wovon ich rede? Heimatlose sind wir doch, Du und ich. Gefangene waren wir beide. Du, der Gefangene Deines Geistes. 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