{"id":229,"date":"2007-02-26T21:18:00","date_gmt":"2007-02-26T21:18:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.palandun.de\/?p=229"},"modified":"2020-02-26T21:18:51","modified_gmt":"2020-02-26T21:18:51","slug":"tag-nach-tag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palandun.de\/index.php\/2007\/02\/26\/tag-nach-tag\/","title":{"rendered":"Tag nach Tag"},"content":{"rendered":"\n<p>\nManchmal denke ich, ich w\u00e4re der einzige Mensch auf der Welt. Dann<br>\nwieder schaue ich nach unten. Dort, im Nebel, sind viele H\u00e4user, sind<br>\nMenschen, sind Gesch\u00e4ftigkeiten, Befindlichkeiten, W\u00fcnsche, Tr\u00e4ume,<br>\nSolls, Habens, Neid und Lust. Dort sind Wohnh\u00e4user, Mieth\u00e4user,<br>\nFabriken, Sporthallen, B\u00fcchereien, Fleischereien, Ateliers,<br>\nGastst\u00e4tten, Hotels, B\u00fcrogeb\u00e4ude und Einkaufszentren. Es gibt junge und<br>\nalte, gro\u00dfe und kleine, dunkle und helle, dicke und d\u00fcnne, ben\u00f6tige und<br>\nnutzlose, gew\u00fcnschte und ungewollte, verspielte und ernste, sinnvolle<br>\nund sinnlose. Nur mich gibt es dort nicht, denn ich bin hier, oben auf<br>\nmeinem Berg, aufgestiegen &#8211; oder sind die anderen versunken. Und ich<br>\nwei\u00df nicht, ob ich nach unten will.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal f\u00e4llt Schnee herab, manchmal wagen sich kleine Wolken<br>\nzwischen mich und die dort unten. Wenn alles bedeckt ist, wenn nicht zu<br>\nsehen ist, frage ich mich, ob ein Leichentuch die Welt abdeckt, ob<br>\nalles tot ist dort unten und ich der einzige, der noch lebendig ist &#8211;<br>\noder ist das Tuch ganz anders rum, liegt es \u00fcber mir, ist dort das<br>\nLeben?<br>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Gestern sammelte ich Tiere. Es gab geschw\u00e4tzige Papageien,<br>\nlethargische Flusspferde, springende K\u00e4ngurus, quakende Fr\u00f6sche,<br>\nhuschende Eidechsen, springende Zebras, gigantische Elefanten, heulende<br>\nW\u00f6lfe, geschmeidige Katzen, helfende Hunde, freche Affen, schleimige<br>\nSchnecken, \u00e4sthetische Netzspinnen, schl\u00e4ngelnde Kreuzottern, kuckende<br>\nKuckucks, buddelnde Maulw\u00fcrfe, schnuppernde Hasen, woll\u00fcstige Kaninchen<br>\nund melancholische Mehlmotten. Wir warteten auf die Flut.<br>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Niemals kommen die Zeugen Jehovas, nie ein Paketbote oder ein<br>\nVorwerk-Vertreter. Es kommt kein Polizist, kein Trickbetr\u00fcger, kein<br>\nBettler und kein Pizzabote. Freunde und Feinde, Verwandte und Bekannte<br>\nklingeln nicht.<br>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Sie boten mir Geld an, damit ich von zuhause wegziehe. Sie<br>\nboten aber nicht viel. 40 Jahre hatte ich in meinem Haus gelebt, eine<br>\nEwigkeit &#8211; und das Geld, das sie mir boten, reichte nicht, um ein neues<br>\nHaus zu kaufen. Da lehnte ich ab. Sie blieben hartn\u00e4ckig. Sie sagten,<br>\ndass ich nicht darauf hoffen sollte, dass mir jemand hilft, denn alle,<br>\ndie mir zu helfen vermochten, seien auf ihrer Seite. Doch ich blieb<br>\nstandhaft. Da rissen sie die H\u00e4user ein, die um mein Haus herum war,<br>\nsie buddelten tiefe Gr\u00e4ben in alle G\u00e4rten, sie entfernten alles &#8211;<br>\nStein, Erde, Holz, Metall. Dann war ich allein. In 10 Meter H\u00f6he war<br>\nich allein, ich und mein Grundst\u00fcck, mein Garten, mein Haus. Es gab<br>\nkeinen Weg herunter. Nur eine Strickleiter hatte ich. Doch unten gab es<br>\nkeine Wege mehr, nur Bagger. Doch ich blieb standhaft. Und so lebe ich<br>\nallein, manchmal kommen Leute &#8211; Freunde, ehemalige Nachbarn &#8211; sie<br>\nbringen mir etwas zu essen. Sie h\u00e4ngen es an ein Seil, dass ich<br>\nherunterlasse. Auch sie riskieren viel, denn man k\u00f6nnte ihnen alles<br>\nwegnehmen, was sie f\u00fcr ihre H\u00e4user bekommen haben. Doch ich bleib<br>\nstandhaft, bis dass sie einlenken oder der Tod mich holt.<br>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Einst hatte ich ein Haus mit Garten, neben anderen H\u00e4usern mit<br>\nund ohne G\u00e4rten. Mein Pflanzen wuchsen bescheiden. Da kamen dann Leute,<br>\ndie rieten mir &#8211; Experten und vermeintliche Experten. Der erste riet<br>\nmir, die Pflanzen mehr zu w\u00e4ssern. Ich w\u00e4sserte, und einige meiner<br>\nPflanzen ertranken. Der zweite sagte mir, ich m\u00fcsste besser d\u00fcngen. Ich<br>\nd\u00fcngte und d\u00fcngte, bis mein R\u00fccken wehtat von der k\u00f6rperlichen<br>\nAnstrengung, doch die Pflanzen dankten mir nichts, im Gegenteil gingen<br>\neinige von ihnen ein, denn es war der falsche D\u00fcnger. Da hatte ich<br>\ngenug. Ich rief ein Spezialfirma an. Sie legten meinen Garten in Eisen.<br>\nIn zwei Meter tiefe ein dicke, tragf\u00e4hige Schicht, an den<br>\nGrundst\u00fcckgrenzen durch den ganzen Boden bis zu dieser Schickt<br>\nst\u00e4hlerne W\u00e4nde. Dann wurde langsam das Grundst\u00fcck hochgehoben, mit 2<br>\nKr\u00e4nen, bis schlie\u00dflich ein zwei Meter hohes Loch entstand, \u00fcber dem<br>\nmein Grundst\u00fcck schwebte. Schwere Hydraulische Ger\u00e4te wurden<br>\nangebracht, und dann, nach nur 10 Minuten, wurden mein Garten, mein<br>\nHaus und ich selber nach oben gehoben. Wir fuhren der Sonne n\u00e4her und<br>\nn\u00e4her. Und seitdem bl\u00fcht und gedeiht mein Garten mehr als jeder andere<br>\nim Umkreis. Wenn ich zu den anderen hinabschaue, sehe ich nur Verderben<br>\nund Tod. Wenn ich meinen Garten betrachte &#8211; den sie nicht betrachten<br>\nk\u00f6nnen, sehe ich das pralle Leben. Jeden Tag nahezu muss ich Rassen<br>\nschneiden, ernte ich Tomaten und \u00f6ffnen sich wundersch\u00f6ne Bl\u00fcten. Nach<br>\nunten k\u00f6nnte ich mit einem Aufzug, doch nichts dr\u00e4ngt mich nach unten.<br>\nHier ist es sch\u00f6n, hier gedeihen wir pr\u00e4chtig &#8211; und dort unten liegt<br>\ndas Elend.<br>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Schwiegertochter ist eine Hexe. Ich wusste es schon<br>\nimmer. Habe ich nicht alles f\u00fcr sie getan? Habe ich ihr nicht ein Haus<br>\nbesorgt, direkt in der Nachbarschaft? Habe ich mich nicht um die Kinder<br>\ngek\u00fcmmert, wenn sie mal wieder versagt hat? Alles haben sie von mir.<br>\nMein Sohn hat den Job bekommen, weil ich meine Beziehungen habe spielen<br>\nlassen. Die Kinder sind auf einer der besten Privatschulen des Landes.<br>\nIch war immer f\u00fcr sie da. Ich habe einen G\u00e4rtner geschickt, wenn ihr<br>\nGarten unordentlich war. Immer stand ich zu ihrer Seite, immer hatte<br>\nich einen Rat, wenn sie nicht mehr weiter wusste. Kochen, Putzen,<br>\nDekorieren &#8211; alles lernte sie von mir. Und jetzt bin ich hier oben.<br>\nUnnahbar, unerreichbar. So undankbar.<br>\n<\/p>\n\n\n\n<p><br>\nDie ganze Welt entgleitet mir. Ich will die N\u00e4he, doch ich sp\u00fcre die Weite. Hoch \u00fcber allem, erhoben. Nebel umgleitet die Tiefe.<br>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Lag unter Cyan. Im Nebel tausend heulende Erynnen. Sehend kam<br>\nYvonne wegen ihres trauten Heimes. Doch ich antwortete: mein Organ?<br>\nNiemals! Da, sieh! Farben durchwogen das Zimmer, den Raum, die Weite,<br>\ndie Leere, die N\u00e4he, die Ferne, das Ganze.<br>\n<\/p>\n\n\n\n<p><br>\nTag f\u00fcr Tag<br><br>\nAlleine auf dem H\u00fcgel<br><br>\nStand ein Mann<br><br>\nV\u00f6llig still<br><br>\nEr lauschte<br><br>\nUnd sie lauschten nie<br><br>\nSie nannten ihn einen Narren<br><br>\nDoch sie wussten nicht, das sie die Narren sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal denke ich, ich w\u00e4re der einzige Mensch auf der Welt. Dann wieder schaue ich nach unten. Dort, im Nebel, sind viele H\u00e4user, sind Menschen, sind Gesch\u00e4ftigkeiten, Befindlichkeiten, W\u00fcnsche, Tr\u00e4ume, Solls, Habens, Neid und Lust. Dort sind Wohnh\u00e4user, Mieth\u00e4user, Fabriken, Sporthallen, B\u00fcchereien, Fleischereien, Ateliers, Gastst\u00e4tten, Hotels, B\u00fcrogeb\u00e4ude und Einkaufszentren. 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