{"id":233,"date":"2006-01-26T21:21:00","date_gmt":"2006-01-26T21:21:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.palandun.de\/?p=233"},"modified":"2020-02-26T21:21:32","modified_gmt":"2020-02-26T21:21:32","slug":"die-rotwein-collage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palandun.de\/index.php\/2006\/01\/26\/die-rotwein-collage\/","title":{"rendered":"Die Rotwein-Collage"},"content":{"rendered":"\n<p>\nIch sp\u00fcrte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als diese \ngrellen Farben auftauchten. Das purpurl\u00fcsterne wei\u00df, das klarsichtige \naber okulente Blau, das verwitterte und doch nach Abenteuer schmeckende \nBraun. Dazu kam das wohlmundende Ros\u00e9, das grasig-tulpige Gr\u00fcn, das \nentnikotisierte und verregnete Gelb. Das Grau war \nkarnevalistisch-okultistisch, das Silber hingegen moderat und \nblasphemisch. Chromatisch naturalistisch pr\u00e4sentierte sich das Gold. \nDoch \u00fcber allem thronte das Schwarz, dessen Befehlshaftigkeit und \nVerw\u00f6hntheit gar einzigartig und vollkommen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sp\u00fcrte, dass\n ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als meine Frau mir wie das sch\u00f6nste\n Wesen auf der ganzen Welt vorkam. Ich warf mich vor ihre F\u00fc\u00dfe, \nignorierte den penetranten Schwei\u00dfgeruch und rief: &#8222;Mein Engel! Meine \nTeuerste! Lass mich deine F\u00fc\u00dfe k\u00fcssen!&#8220; Dann tat ich es.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich merkte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als ich heute morgen den ekelhaften Nachgeschmack nicht mehr wegbekam.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\n sp\u00fcrte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als ich bestimmte \nhundert Mal das Wort &#8222;Desoxyribonukleins\u00e4ure&#8220; versuchte auszusprechen &#8211; \nund doch scheiterte ich jedes Mal schon an der zweiten oder dritten \nSilbe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sp\u00fcrte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als \nich die Schwarze Piste herunterfuhr &#8211; ohne St\u00f6cke, ohne Begleitung und \nohne Jacke. Als ich wieder zu mir kam und den Bernhardiner vor mir sah, \nda dachte ich: &#8222;Bitte nicht. Wein und Schnaps passen nicht zusammen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sp\u00fcrte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als ich freiwillig mit der Deutschen Bundesbahn fuhr.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sp\u00fcrte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als ich sanft entschlummerte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\n sp\u00fcrte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als das glibbernde \nMonster \u00fcber dem Fu\u00dfboden auf mich zukroch, 3 oder 4 Augen auf mich \ngerichtet. Ektoplasma floss wie Sabber, hinter dem Monster entstand eine\n feuchte Spur. Es richtete sich hoch \u00fcber mich auf und &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sp\u00fcrte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als ich \u00fcber einen Witz von Ingo Appelt lachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\n sp\u00fcrte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als das Telefon \nklingelte und ich beim besten Willen nicht herausbekam, wie ich abheben \nsollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sp\u00fcrte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als \nich alte Geschichten erz\u00e4hlte, die nie erz\u00e4hlt werden sollten. Ich \nsprach von vergangenen, verblichenen, geheimen Beziehungen. Ich \nschwelgte in den Erinnerungen an l\u00e4ngst vergessen geglaubte \nKindheitserlebnisse. Ich erz\u00e4hlte von Verbotenem, von Peinlichem und von\n Verr\u00fccktem. Dann bemerkte ich, dass die Zuh\u00f6rer angewidert und \ngleichsam angezogen waren, voyeuristisch und moralisch in einem \nGegensatz, der sie l\u00e4hmte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sp\u00fcrte, dass ich zuviel Rotwein \ngetrunken hatte, als ich vor dem Traualtarstand und gar nicht wusste, \nwie ich dort hin gekommen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sp\u00fcrte, dass ich zuviel \nRotwein getrunken hatte, als ich in meiner eigenen Kotze liegend zu mir \nkam. Ich versuchte mich zu s\u00e4ubern, doch sie widerstand. Sie klebte in \nden Haaren und wollte auch nicht aus dem Ohr heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sp\u00fcrte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als der Polizeiarzt mich mit der Nadel piekste.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sp\u00fcrte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als nur noch Luft aus der Flasche in meine Kehle ran.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\n sp\u00fcrte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als ich mich endlich \ntraute ihr zu sagen, was ich von ihr wollte. Ich versp\u00fcrte das \nVerlangen, ewig und alle Tage mit ihr zusammen zu sein, in guten wie in \nschlechten Tagen. So sprach ich zu ihr von meiner endlosen Liebe, von \neiner rosigen Zukunft und davon zu heiraten. Ich trank noch mehr \nRotwein, als sie ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sp\u00fcrte, dass ich zuviel Rotwein \ngetrunken hatte, als ich neben meiner Tochter auf dem Boden war und \ngleichsam ihr nur noch auf allen vieren mich bewegen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich \nsp\u00fcrte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als mich ein rosaroter \nElefant begr\u00fc\u00dfte und mich darauf aufmerksam machte, dass schon wieder \nSommer sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sp\u00fcrte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, \nals ich am n\u00e4chsten Tag in einem Bett aufwachte, dass nicht das meine \nwar. Da stand ein anderer Mann, der verzweifelt \u00fcberlegte, wessen \nUnterhose diejenige war, die er gerade in der Hand hielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sp\u00fcrte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als ich diesen Text schrieb.<br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sp\u00fcrte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als diese grellen Farben auftauchten. Das purpurl\u00fcsterne wei\u00df, das klarsichtige aber okulente Blau, das verwitterte und doch nach Abenteuer schmeckende Braun. Dazu kam das wohlmundende Ros\u00e9, das grasig-tulpige Gr\u00fcn, das entnikotisierte und verregnete Gelb. Das Grau war karnevalistisch-okultistisch, das Silber hingegen moderat und blasphemisch. 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