{"id":237,"date":"2005-01-26T21:22:00","date_gmt":"2005-01-26T21:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.palandun.de\/?p=237"},"modified":"2020-02-26T21:23:02","modified_gmt":"2020-02-26T21:23:02","slug":"bahnfahrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palandun.de\/index.php\/2005\/01\/26\/bahnfahrt\/","title":{"rendered":"Bahnfahrt"},"content":{"rendered":"\n<p>\nDer Zug rattert \u00fcber die Schienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Abteil ist nicht sehr \nvoll. Mir am n\u00e4chsten sitzt eine \u00e4ltere Frau mit einem Buch. Es ist ein \nschmaler Band. Am Ende einer jeden Seite verharrt sie einen Moment. \nWahrscheinlich sind es Gedichte. Auf der anderen Seite des Ganges sitzt \nein breitschultriger Mann. Er mag vielleicht Anfang dreissig sein. Er \ntr\u00e4gt einen schlichten, sportlichen Pullover.Er starrt nur nach vorne, \nbeachtet sie genausowenig wie sie ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter der Frau sitzt ein \n\u00e4lteres Ehepaar. Sie schweigen und schauen sich nicht an. Vielleicht \nhaben sie sich nichts mehr zu sagen. Der Mann hat angegraute Haare und \neinen leichten Schn\u00e4uzer. Er st\u00fctzt sich mit dem Ellbogen am \nFensterrahmen ab und hat die Backe an seine Faust gelegt. Er langweilt \nsich sichtlich. Die Frau neben ihm ist recht f\u00fcllig. Ihr Haare sind \nblond, doch es wird sofort klar, dass sie eigentlich grau sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Schr\u00e4g\n hinter den beiden an der T\u00fcr steht ein junger Mann, vielleicht ein \nGesch\u00e4ftsmann. Er hat die Hand am T\u00fcr\u00f6ffner, obwohl der Bahnhof nicht in\n Sicht ist. Er scheint es eilig zu haben, sonst w\u00fcrde er nicht so dort \nstehen. Er tr\u00e4gt eine dezente graue Jacke und einen ordnungsgem\u00e4ssen \nHaarschnitt. Die Haarfarbe ist braun.<\/p>\n\n\n\n<p>Er verdeckt ein wenig die \nFrau, die am Ende des Wagens sitzt. Auch sie starrt ausdruckslos einfach\n nach vorne. Ein wenig \u00e4hnelt sie der Ehefrau weiter vorne, jedoch sind \nihre Haare l\u00e4nger und r\u00f6tlich gef\u00e4rbt. Auch sie tr\u00e4gt ein gleichsam \n\u00e4rmel- wie geschmackloses Kleid. Jedoch ist das Kleid dunkler als das \nbei der Frau vorne, und ohne weisse Punkte darauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls am \nEnde des Wagens, jedoch auf der anderen Gangseite sitzen sich zwei junge\n Menschen schr\u00e4g gegen\u00fcber. Von dem M\u00e4dchen kann ich nur die etwas \u00fcber \ndie Schulter reichenden Haare sehen. Sie ist br\u00fcnett. Darunter ist ein \naussageloser, blauer Pullover zu sehen. Der Junge, dessen braunen Haare \neinen Ausbruchsversuch in alle Richtungen unternehmen, als h\u00e4tten sie \nnicht einen Kamm oder eine B\u00fcrste kennengelernt, ist der einzige, der \njemanden anschaut. N\u00e4mlich das M\u00e4dchen. Jedoch reden sie beide nicht \nmiteinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zug rattert \u00fcber die Schienen.<br>Die Frau mit dem Buch hat schon mehrfach umgebl\u00e4ttert. Sie ist weiterhin wie gebannt von ihren Gedichten.<br>Der\n muskul\u00f6se Mann guckt weiter gerade aus, in die N\u00e4he oder in die Ferne. \nVielleicht denkt er daran, wie er den Abend mit Freunden verbringen \nsoll. Oder im Fitnesscenter. Vielleicht ist das f\u00fcr ihn das gleiche.<br>Das\n Ehepaar langweilt sich weiter. Vielleicht steht ihnen zuhause ein \nweiterer langer Abend bevor, beendet mit den Tagesthemen. Vielleicht \nsind sie zwei Leute, die sich nicht mehr viel zu sagen haben.<br>Der \nGesch\u00e4ftsmann steht weiter an der T\u00fcr. Kommt er zu sp\u00e4t zu einem \ngesch\u00e4ftlichen Termin? Oder zu einer h\u00f6chst am\u00fcsanten Verabredung?<br>Die Frau am hinteren Ende schaut in Richtung des Gesch\u00e4ftsmanns. Doch sie schaut durch ihn hindurch.<br>Der Junge starrt weiter das M\u00e4dchen an. Wird er es jemals ansprechen?<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird dunkel. Kurz darauf wird es wieder hell.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zug rattert \u00fcber die Schienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch wird und wird nicht k\u00fcrzer. Die Frau liest weiter.<br>Der Blick des Bodybuilders bleibt starr. Der entscheidende Gedanke scheint noch nicht gekommen zu sein.<br>Das Ehepaar sitzt zusammen, doch im Geiste scheinen sie nicht im gleichen Zug zu sein.<br>Der Bahnsteig kommt nicht n\u00e4her. Der Gesch\u00e4ftsmann wartet weiter.<br>Der Junge starrt weiter auf das M\u00e4dchen. Warum spricht sie ihn nicht selber an.<br>Die Frau auf dem Platz an der anderen Gangseite merkt nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zug rattert \u00fcber die Schienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein\n Abteil ist nicht sehr voll. Mir am n\u00e4chsten sitzt noch immer eine \n\u00e4ltere Frau. Auf der anderen Seite des Ganges sitzt noch immer ein \nbreitschultriger Mann. Hinter der Frau sitzt weiterhin ein \u00e4lteres \nschweigendes Ehepaar. Schr\u00e4g hinter den beiden an der T\u00fcr steht \nweiterhin ein junger Gesch\u00e4ftsmann. Er verdeckt eine ausdruckslose Frau \nam Ende des Wagens. Ein M\u00e4dchen und ein Junge sitzen immer noch schr\u00e4g \ngegen\u00fcber auf der anderen Seite des Ganges.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis jetzt kein Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird dunkel. Kurz darauf wird es wieder hell.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zug rattert \u00fcber die Schienen. Niemand bemerkt den Tod.\n                \t\t\t\t\t              \n\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Zug rattert \u00fcber die Schienen. Mein Abteil ist nicht sehr voll. Mir am n\u00e4chsten sitzt eine \u00e4ltere Frau mit einem Buch. Es ist ein schmaler Band. Am Ende einer jeden Seite verharrt sie einen Moment. Wahrscheinlich sind es Gedichte. Auf der anderen Seite des Ganges sitzt ein breitschultriger Mann. 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