{"id":241,"date":"2004-10-26T21:23:58","date_gmt":"2004-10-26T21:23:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.palandun.de\/?p=241"},"modified":"2020-02-26T21:24:31","modified_gmt":"2020-02-26T21:24:31","slug":"requiem-des-meeres","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palandun.de\/index.php\/2004\/10\/26\/requiem-des-meeres\/","title":{"rendered":"Requiem des Meeres"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Gehe Sohn, gehe zum Wasser<br>und siehe die Frauen weinen.<br>Vater, warum weinen all die Frauen?<br>Sie weinen um ihre M\u00e4nner.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es war einmal vor langer Zeit.<br>Es war gestern.<br>Es wird sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht war es die Karibische See. Nur das Wasser erinnert sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Er\n stand auf den Klippen und dachte nach. Sein Gang war gebeugt, sein Haar\n war sp\u00e4rlich und grau geworden. Endlose Zeit hatte er in dem Haus an \nden Klippen verbracht. Und in der Bucht bei den Fischen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie \nnannten ihn nur noch den \u201ealten Fischer\u201c. Fr\u00fcher war er \u201eder Fremde\u201c \ngewesen. Sp\u00e4ter der \u201eFischer in der Bucht\u201c. Heute der \u201ealte Fischer\u201c. \nDoch niemals hatte ihm einer dieser Namen etwas bedeutet.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu \nAnfang hatten sie versucht, ihn in ihr Leben einzubauen. Sie luden ihn \nzu Feiern. Sie versuchten ihn zu besuchen. Einmal wollte eine Frau ihn \nmit ihrer Tochter verheiraten. Er war der beste Fischer weit und breit. \n\u201eWie der Rattenf\u00e4nger mit der Fl\u00f6te &#8211; nur f\u00fcr Fische.\u201c Er hatte \u00fcber \ndiesen Spruch nicht gelacht. Und er war nicht gefangen worden von der \nLiebe oder von der Ehe. Nicht von dieser Liebe.<\/p>\n\n\n\n<p>Im hellen Schein \nder Sonne, auf dem tiefsten Blau des Ozeans trieb ein Boot. \u201eIch segle, \nich segle\u201c juchzte der Junge. Doch wohin ging sein Weg?<\/p>\n\n\n\n<p>Der alte \nFischer stand am Strand. Er dachte an die alten Zeiten. Er dachte an \nseine Liebe, seine wahre Liebe. Er nannte sie die Dame aus Silber. Als \ner jung war. Jetzt war er alt. Er hatte sein Leben gelebt. Vielleicht \nwaren es auch mehrere Leben. Es w\u00e4re kein aufregendes Leben f\u00fcr einen \nSt\u00e4dter gewesen. Vielleicht noch nicht mal ein aufregendes f\u00fcr einen \nD\u00f6rfler. Doch wenn man die Augen aufmachte, war jeder Tag des Lebens \naufregend.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Dorf war es Zeit f\u00fcr das abendliche Essen. Auf den Tellern wenig Gr\u00fctze, wenig Brot &#8211; und viel Fisch. Er war sehr freigiebig.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus\n dem Wasser tauchte eine Hand auf. Der Junge staunte. Dann kam ein \nFrauenkopf zum Vorschein. Eine wundersch\u00f6ne Frau. Sie sagte \u201eKomm, segle\n dein Schiff um mich herum.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam glitt das Boot vom Sand. Der\n alte Fischer sprang hinein. Zun\u00e4chst paddelte er ein wenig. Dann \n\u00fcbernahm der Wind. Er sa\u00df nur da im Licht seiner Laterne und schaute \n\u00fcber das endlose Wasser. \u00dcber ihm waren die Wolken, unter ihm die \nWellen, um ihn herum die B\u00f6en. Das reichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Dorf sah man den \nLichtschein auf dem Wasser. \u201eEr ist wieder draussen.\u201c Es klang \nbewundernd und verwundert zugleich. Dann gingen sie ins Bett. Beide \ntr\u00e4umten von der weiten See. Von Booten. Von M\u00f6wen. Von Fischen. Und von\n ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Boote treffen sich. Sie nicken sich zu, erkennend. Der\n alte bed\u00e4chtig, der junge mit einem strahlenden L\u00e4cheln. Dann sind die \nBoote schon aneinander vorbei. Eines zieht auf das Festland zu. Das \nandere hat das weite Meer als Ziel.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kam er an seine Stelle. An ihre Stelle.<br>\u201eBist Du da?\u201c<br>Haare aus blassen Silber. Ein bleiches, freundliches Gesicht.<br>\u201eIch werde noch da sein, wenn der letzte Adlerschrei \u00fcber den letzten br\u00f6ckelnden Bergen verstummt.\u201c<br>\u201eWirst Du da sein?\u201c<br>\u201eIch werde da sein, wenn die Menschen nur noch Gesch\u00f6pfe in B\u00fcchern sind, die Kaninchen geschrieben haben.\u201c<br>\u201eBleibst Du bei mir?<br>\u201eIch werde da sein wenn die letzte Welle verebbt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Bald bricht ein neuer Tag an. Nur ein neuer Tag.<br>Ein Boot ist gelandet. Ein anderes, einsames, leeres Boot treibt weitere auf dem offenen Meer, von den Wellen getragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Flut l\u00f6scht das Licht.<\/p>\n\n\n\n<p>(Anmerkung: \u201eDa wo es metaphysisch war, hat es mir am besten gefallen.\u201c)\n                \t\t\t\t\t              \n\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gehe Sohn, gehe zum Wasserund siehe die Frauen weinen.Vater, warum weinen all die Frauen?Sie weinen um ihre M\u00e4nner. 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