{"id":245,"date":"2002-10-20T21:25:39","date_gmt":"2002-10-20T21:25:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.palandun.de\/?p=245"},"modified":"2020-02-26T21:26:22","modified_gmt":"2020-02-26T21:26:22","slug":"stillleben-von-corinna-vanvlodorp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palandun.de\/index.php\/2002\/10\/20\/stillleben-von-corinna-vanvlodorp\/","title":{"rendered":"Stillleben (von Corinna Vanvlodorp)"},"content":{"rendered":"\n<p>\nIhre Finger zitterten. Zitterten ein wenig, als sie nach der Zigarette \ngriff. Nach der Zigarette griff, sie vorsichtig in den Mund steckte, \ndann das Feuerzeug aus der Schachtel zog, langsam, als m\u00fcsste sie noch \ndar\u00fcber nachdenken, es hielt mit beiden H\u00e4nden um ihm dann, vorsichtig \nund mit geschlossenen Augen, eine zarte blaue Flamme zu entlocken. Sie \nbrauchte drei Versuche, bis sie den ersten tiefen Zug nehmen konnte. Den\n Rauch einsog, immer noch mit geschlossenen Augen, dann, das Feuerzeug \nin der einen umklammert, die Zigarette in die andere nehmend, den Atem \nin einer einzigen langen Rauchwolke freilie\u00df in die Nacht. Erst jetzt \n\u00f6ffnete sie die Augen wieder und blickte ziellos \u00fcber die Stadt. Man \nhatte einen guten Blick von hier oben. Die K\u00e4lte hatte das Gel\u00e4nder des \nBalkons wei\u00df gef\u00e4rbt, wo der Sonnenschirm einer alten Vogelscheuche \ngleich im Wind knisterte. Hier drau\u00dfen war es still. Friedlich. Der \nSternenhimmel leuchtete in seltener Klarheit und auch die Lichter der \nStadt waren weniger geworden inzwischen, und die Sterne erschienen \ndeutlicher so, gegen den schwarzen Himmel, und nicht so weit fort. \nAllein entfernt hallten eilige Schritte. Vermutlich nach Hause, dachte \nsie noch. In die sch\u00fctzende W\u00e4rme der eigenen vier W\u00e4nde, wohin die \nK\u00e4lte nicht folgen konnte. Wieder nahm sie einen Zug. Die Arme jetzt \nfest um den mageren K\u00f6rper geschlungen. Schlank h\u00e4tte sie fr\u00fcher \ngedacht. Indessen \u2013 mager war die richtigere Beschreibung.<\/p>\n\n\n\n<p>Andere\n beneiden Dich darum, h\u00f6rte sie die innere Stimme zwitschern. Sie \nl\u00e4chelte und nahm noch einen Zug. Ja. Sicher. Andere. Fr\u00fcher hast Du \njedes Gramm gez\u00e4hlt, fl\u00f6tete die Stimme weiter in ihrem Ged\u00e4chtnis. Ein \nbisschen zu schrill, wenn sie` s recht \u00fcberlegte. Fr\u00fcher. Ihr kurzes \nLachen endete abrupt, ihre Finger fuhren an die Lippen, nachdenklich \nerst, vorsichtig tastend, als h\u00e4tten sie sie das erste Mal seit langer \nZeit wieder wahr genommen. Wieder zog sie an der Zigarette. Fr\u00fcher. Wie \nlange mochte das her sein? Sie sah sich noch vor dem Spiegel. Wie sie \nsich die Lippen bemalte, blutrot. Und wie sie fluchte, wenn der \nLippenstift an die Z\u00e4hne kam. Dachte an den m\u00fchsamen Lidstrich und das \nsorgf\u00e4ltig aufgetragene Makeup. Sie hatte sich die Augenbra\u00fcn gezupft \ndamals und Stunden mit Freundinnen vor dem Spiegel verbracht, umgeben \nvon einem dichten und m\u00e4nnerfeindlichen Dunst aus Parfum und Haarspray. \nHeute war jede Bewegung Routine geworden. Der Duft seit Jahren derselbe,\n dezent und nasenfreundlich. Der Blick in den Spiegel ging beil\u00e4ufig, \nohne zu viel Erinnerung zu hinterlassen. Fliehend.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zigarette \nwar herunter gebrannt. Vorsichtig l\u00f6schte sie den Rest. Hob eine der \nWinterpflanzen aus dem Blumenkasten und bestattete den Filter bei den \nSeinen. Eine Familiengruft sozusagen. Und ein Anflug von L\u00e4cheln zeigte \nsich wieder auf ihrem Gesicht, w\u00e4hrend sie weiter frierend gen \nNachthimmel starrte. Es war ein h\u00fcbsches Gesicht, dachte sie pl\u00f6tzlich. \nDamals, es war ein sehr h\u00fcbsches Gesicht, mit einer etwas spitzen Nase, \nhohen Wangenknochen und braunen Augen mit langen Wimpern. Voller \nUnschuld. \u201eWie Bambi!\u201c, hatte er damals gesagt. Und beide hatten \ngelacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie griff noch einmal nach der Schachtel, \u00f6ffnete Sie \nimmer noch zitternd, zog eine der Zigaretten heraus, z\u00f6gerte, \u00fcberlegte \nkurz und steckte sie wieder zur\u00fcck. \u201eBambi.\u201c Sie sch\u00fcttelte den Kopf. \nDer einfallsreichste war er nie gewesen. Eines der wenigen Dinge, die \ndie Jahre nicht hatten \u00e4ndern k\u00f6nnen. Drau\u00dfen schlug eine Autot\u00fcr, dann \neine zweite. Unmerklich beim ersten Ger\u00e4usch zuckend, entspannte sie \nsich nun wieder. Zu fr\u00fch, dachte sie, viel zu fr\u00fch. Eine Stunde hatte \nsie wohl noch.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wie von der Erkenntnis beruhigt, entschied sie\n doch noch eine zu rauchen, \u00f6ffnete die Schachtel, nun entschlossener \nals eben, nahm die Zigarette, f\u00fchrte sie zum Mund, griff das Fe\u00fcrzeug \u2013 \njedoch nur um erneut inne zu halten und beides wieder in der Schachtel \nverschwinden zu lassen. Unschl\u00fcssig sah sie zur Seite, fast als sch\u00e4mte \nsie sich, \u00fcber die Unf\u00e4higkeit zur Entscheidung. Dann seufzte sie, griff\n nach der Keksdose, die bis dahin unbeachtet auf dem kleinen \nAbstelltisch neben dem Sonnenschirm gestanden hatte, liess die Schachtel\n darin verschwinden und stellte sie unschl\u00fcssig zur\u00fcck. Erst an den \nRand. Dann schob sie sie langsam zur Mitte. Die Finger darauf ruhend, \nals wollte sie vielleicht, aber nur vielleicht doch noch einmal die \nSchachtel hervor holen. Oder zumindest die Finger zum Abschied noch \ndarauf liegen lassen, eine Weile.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann nahm sie sie pl\u00f6tzlich \ngetrieben von einem unerkl\u00e4rlichen Wunsch wieder auf, presste sie an \nsich, als k\u00f6nnte sie geraubt werden. Sie hielt sie eine Weile &#8211; \numklammert. Stand, die Augen geschlossen, die Arme umschlungen, \nverkrampft, die Dose an sich gepresst wie einen kostbaren Schatz. Stand \nda, atmete tief, die Lippen aufeinander, gekr\u00fcmmt, wiegte sich, gefangen\n in einem stillen Aufbegehren unendlicher Kraftanstrengung, und schwieg.\n Eine Ewigkeit. Dann, langsam, l\u00f6ste sich die Anspannung. Sie atmete \naus, tief und konzentriert, liess die Arme sinken die Dose immer noch in\n der Hand haltend. Lockerer jetzt. Nachgebend. Ob Sie die Blumenvase \nbereitstellen sollte f\u00fcr morgen? Wenn die Entschuldigung k\u00e4me, wie sie \nimmer kam? Tiefempfunden und ehrlich? Ob sie den Koffer packen sollte, \nwie sie es immer tat, heimlich und verborgen, um ihn besch\u00e4mt wieder \nauszupacken, wenn sie der Wahrheit angesichtig wurde, dass da nichts \nwar, wo sie hingehen k\u00f6nnte, selbst wenn sie wollte? Sie wusste es \nnicht. Einen Moment lang horchte sie wirklich in sich hinein, ob da \nnicht etwas war, was sie tun wollte, tun musste, hier und jetzt \u2013 aber \nes fiel ihr nicht ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Da war nichts. Das Suchen, das Dr\u00e4ngen war\n fort. Die K\u00e4lte hatte es wohl fortgetragen, w\u00e4hrend sie selbst \ngeblieben war. Auch das Zittern war geblieben. Aber das machte die \nK\u00e4lte.<\/p>\n\n\n\n<p>Und morgen? Morgen w\u00fcrde ein anderer Tag sein. Und wie sie\n so stand und \u00fcberlegte, nickte sie mit einem mal, griff nun sicherer \nwerdend nach der Balkont\u00fcr. Die Dose hielt sie, wie beil\u00e4ufig, immer \nnoch in der Hand. Unbeachtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Finger zitterten ein wenig, \nals sie nach der T\u00fcre griff. Nach der T\u00fcre griff, z\u00f6gerte als erwarte \nsie es k\u00f6nne sie jemand, irgendjemand, noch aufhalten. Als sie \nzur\u00fcckblickte. Noch einmal. Dann, entschieden jetzt, den Kopf abwandte, \nhin zur T\u00fcr, sie langsam \u00f6ffnete, und hinein ging.\n                \t\t\t\t\t              \n\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihre Finger zitterten. Zitterten ein wenig, als sie nach der Zigarette griff. 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