{"id":299,"date":"2005-11-26T07:30:00","date_gmt":"2005-11-26T07:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.palandun.de\/?p=299"},"modified":"2020-02-29T07:30:47","modified_gmt":"2020-02-29T07:30:47","slug":"der-verlust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palandun.de\/index.php\/2005\/11\/26\/der-verlust\/","title":{"rendered":"Der Verlust"},"content":{"rendered":"\n<p>\nIch habe etwas verloren, sogar etwas Wichtiges. Und zwar im Wald. Oder so \u00e4hnlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Es\n war losgegangen wie immer. Gemeinden wehrten sich, Beschl\u00fcsse wurden \ngefasst, gerichtlich angefochten, ein hin und her, Anwohner gingen auch \nvor Gericht&#8230; das \u00fcbliche Gepl\u00e4nkel bei Flughafenausbau. Nachdem wir \nendlich h\u00f6chstamtlich und h\u00f6chstrichterlich die Erlaubnis hatten, gingen\n wir zu Werke. Wir umz\u00e4unten das abzuholzende Gebiet, stellten aus den \numliegenden Bodybuilding-Studios eine Menge Leute ein als Wachen \n(nat\u00fcrlich 1 Euro-Jobs), verk\u00fcndeten einen Baubeginn und bestellten das \nnotwendige Equipment und die Arbeiter f\u00fcr zwei Wochen nach dem \nBaubeginn. Zum Baubeginn begannen wir mit wenig: ein paar Arbeiter, dazu\n steckten wir einige vertrauensw\u00fcrdige von unseren Sicherheitskr\u00e4ften in\n Blaum\u00e4nner, dazu kamen dann noch zwei Planierraupen und ein Bagger. \nDamit taten wir so, als w\u00fcrden wir mit der Arbeit beginnen. Wir lie\u00dfen \nuns nat\u00fcrlich von den protestierenden B\u00fcrgern und Umweltsch\u00fctzern daran \nhindern. So was ist man heutzutage schuldig.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war die \u00fcbliche \nKlientel. Ge\u00e4ngstigte, W\u00fctende, auch Verr\u00fcckte. Wie die mit allen \nm\u00f6glichen Amuletten, Ringen, Ketten etc. beh\u00e4ngte Frau, die sich vor mir\n aufbaute und etwas \u00fcber die Geister der B\u00e4ume, das Gleichgewicht der \nNatur und \u00e4hnliches laberte. Es belustigte mich damals. Jetzt ist das \nnicht mehr so.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach nur eineinhalb Wochen waren die \nUmweltsch\u00fctzer aus den B\u00e4umen geklettert, umjubelt von den wenigen, die \ndas noch interessierte. Der Rest war arbeiten oder Tauben f\u00fcttern. Wir \nkonnten also rechtzeitig loslegen. Und das taten wir auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Hin \nund wieder passieren merkw\u00fcrdige Dinge bei solchen Bauten. \nBeispielsweise hat im Ausland mal ein Brand den Wald zerst\u00f6rt, der kurze\n Zeit sp\u00e4ter h\u00e4tte gerodet werden m\u00fcssen. Egal. Bei uns war das nicht \nanders. Eines Tages tauchte ein kleiner, b\u00e4rtiger Mann &#8211; augenscheinlich\n ein Liliputaner &#8211; mitten im R\u00e4umungsgebiet auf. Die Sicherheitskr\u00e4fte \nhatten scheinbar geschlampt. Ich war zuf\u00e4llig in der N\u00e4he und bekam das \nmit. Ich sprach sogar kurz mit ihm. Er erz\u00e4hlte, er sei vom Volk der \nW\u00e4lder als Gesandter geschickt. Ich w\u00e4re nach vielen Jahren der erste \nMenschling, mit dem er spr\u00e4che. Und er drohte mir mit vielen \nKonsequenzen, wenn wir uns nicht zur\u00fcckziehen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich \nbestellte vier Wachen zu mir und lie\u00df auch zwei der Polizisten rufen, \ndie uns unterst\u00fctzten. Danach war die Sache f\u00fcr mich erledigt. Ich \nwunderte mich nur, als mir ein paar Tage sp\u00e4ter berichtet wurde, die \nPolizei h\u00e4tte ihn mitnehmen wollen, er konnte sich noch nicht einmal \nausweisen, doch er w\u00e4re irgendwie entwischt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kamen dann gut \nvoran. So gut, dass wir mehrere Wochen vor Plan den Bau abschlie\u00dfen und \neine gute Pr\u00e4mie sichern konnten. Die ersten Testfl\u00fcge verliefen ohne \nProbleme, und dann kam der entscheidende Tag: die offizielle Er\u00f6ffnung \nder neuen Rollbahn.<\/p>\n\n\n\n<p>Morgens war Begehung, die \u00f6rtlichen \nW\u00fcrdentr\u00e4ger und -tr\u00e4gerinnen waren ebenso vertreten wie die regionalen.\n Sogar das Verkehrsministerium hatte einen Staatssekret\u00e4r und den \nUmweltminister geschickt. Es war wohl kein anderer frei. Nach der \nBegehung kam das B\u00fcfett, und dann der gro\u00dfe Augenblick: der Minister \ndurfte die Starterlaubnis durchgeben. Alle guckten mit gro\u00dfer Erwartung \ndurch die gro\u00dfen Fenster. Erstaunlich, immerhin gab es auf dem Flughafen\n eine halbe Million Starts pro Jahr. F\u00fcr uns war es alles Routine.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend\n die Anwesenden klatschten, weil die Maschine langsam auf Trab kam, \nschaute ich gar nicht hin. Ich unterhielt mich mit dem Staatssekret\u00e4r, \nder das ganze &#8211; abseits der Kameras &#8211; wohl auch erfrischend langweilig \nfand. Das Raunen nach dem Klatschen irritierte mich allerdings. Und dann\n kamen die Entsetzensschreie. Ich drehte mich um. Alle Farbe war mit \neinem Schlag aus meinem Gesicht gewichen. Ein Ungl\u00fcck auf meiner \nStartbahn&#8230; ich war mir sicher, dass dort eine brennende Maschine \nstehen w\u00fcrde&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Doch ich sah nichts. Wirklich nichts. Und zwar \n\u00fcberhaupt nichts. Das Flugzeug war nicht mehr da. Es f\u00fchrten auch keine \nSpuren nach links oder rechts, neben die Startbahn. Es flog auch nicht \nin der Luft.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles war hektisch. Leute liefen umher. Dutzende \nMobiltelefone klingelten. Das Fernsehen ging auf Sendung &#8211; eigentlich \nwar nur eine Aufzeichnung geplant. Ich schaute mir in einer Kamera noch \nmal das Geschehen an. Das Flugzeug war kurz vor dem Abheben &#8211; und im \nn\u00e4chsten Augenblick verschwunden. Wie in einem schlechten Film, bei dem \nbeim Schneiden etwas schief gegangen war. Ich f\u00fchlte mich auch so, als \nw\u00e4re ich in einem schlechten Film. Oder in einem schlechten Traum. Aber \nich konnte nicht aufwachen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Seit zwei Wochen steht die neue \nStartbahn leer. Es traut sich keiner mehr drauf. Der Flieger ist nicht \nmehr aufgetaucht. M\u00e4rchenerz\u00e4hler behaupten, das Flugzeug sei bei den \nFeen und k\u00f6nnte in 100 Jahren noch mal auftauchen. Oder nie. Bei Feen \nkann man sich nicht sicher sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehrere Aktion\u00e4re des Flughafens\n haben sich erschossen. Mittlerweile wird nur noch eine Bahn benutzt. \nMomentan m\u00f6chten nur noch wenige Leute von hier aus fliegen. Viele \nweichen auf andere Flugh\u00e4fen aus, obwohl das l\u00e4nger dauert. Angst t\u00f6tet \nEile.<\/p>\n\n\n\n<p>Tja, und so ist die Geschichte, wie ich etwas im Wald \nverlor. Besser gesagt: dort, wo mal der Wald stand. Und jetzt eine leere\n Rollbahn.<br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe etwas verloren, sogar etwas Wichtiges. Und zwar im Wald. Oder so \u00e4hnlich. Es war losgegangen wie immer. Gemeinden wehrten sich, Beschl\u00fcsse wurden gefasst, gerichtlich angefochten, ein hin und her, Anwohner gingen auch vor Gericht&#8230; das \u00fcbliche Gepl\u00e4nkel bei Flughafenausbau. Nachdem wir endlich h\u00f6chstamtlich und h\u00f6chstrichterlich die Erlaubnis hatten, gingen wir zu Werke. 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