{"id":309,"date":"2007-09-26T07:35:23","date_gmt":"2007-09-26T07:35:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.palandun.de\/?p=309"},"modified":"2020-02-29T07:36:04","modified_gmt":"2020-02-29T07:36:04","slug":"die-jesus-story","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palandun.de\/index.php\/2007\/09\/26\/die-jesus-story\/","title":{"rendered":"Die Jesus-Story"},"content":{"rendered":"\n<p>\nAls ich morgens aus dem Haus trat, lag Jesus leblos vor der Haust\u00fcr. Und\n damit begann in ein absonderliches Kapitel in meinem Leben:<br><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Jesus-Story<\/h2>\n\n\n\n<p>Verwunderlich\n allein ist schon die Tatsache, dass ich ebenfalls schon tot sein \nsollte. Ich erinnere mich wie gestern. Es war ein gl\u00fccklicher Tod, wenn \nman \u00fcberhaupt einen solchen gl\u00fccklich nennen kann: umgeben von den \nLiebsten, gestorben allein durch das Alter.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schweife ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben\n der Leiche stand mein Freund Sherlock Holmes. Neben ihm wiederum stand \nein Mann mittleren Alters, der eine Art wei\u00dfen Rock trug. Zusammen mit \nseinen wuschligen Haaren und dem &#8211; wenngleich kurzen &#8211; Bart ergab das \neinen etwas verwahrlosten Eindruck. Er sah dem Toten \u00fcbrigens \u00e4hnlich &#8211; \nnicht \u00fcberraschend, wie sich herausstellte. &#8222;Guten Tag, ich bin Jesus.&#8220; \nAus einiger Entfernung rief jemand: &#8222;Sind wir das nicht alle?&#8220; Und dann \nkam Gel\u00e4chter.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich blickte mich um:&nbsp; Strahlend blauer Himmel, \neine etwas zu rote Sonne, keine Wolken. Es war ein Tag wie im Paradies &#8211;\n und ich muss das Wissen. Auf der Ebene gab es nur ein einziges, sehr \ngro\u00dfes Haus, aus dem ich getreten war. &#8222;Jesus-Haus&#8220; stand \u00fcber der \ngro\u00dfen Eingangspforte (ich hingegen kam aus einer Nebent\u00fcr). Vor dem \nHaus waren Unmengen an Tischen, St\u00fchlen, Sesseln, Teppichen, Kissen und \nanderen Sitzgelegenheiten &#8211; au\u00dferdem eine Vielzahl von Dingen, die ich \nnicht kannte, auf und vor denen aber auch &#8230; Wesen sa\u00dfen. Es gab einige\n Menschen, aber auch viele, die nicht menschlich sein konnten. \nDiejenigen mit ungew\u00f6hnlicher Hautfarbe, einem oder zwei Augen&nbsp; oder \nGliedma\u00dfen zu viel waren noch harmlos. Halbwegs humanoides oder immerhin\n von der Erde gewohntes Aussehen &#8211; das konnte ich beinahe akzeptieren. \nAber diese&#8230; Es gab einen, der wie ein Kegel geformt war, 10 Fu\u00df im \nDurchmesser und ebenso hoch. Ein Wesen von fast Menschengr\u00f6\u00dfe besa\u00df \ngraugr\u00fcne, feuchtglitschige Haut, der Kopf erinnerte an den eines \n\u00fcberdimensionierten Fisches. Seine H\u00e4nde &#8211; falsch, seine Klauen, waren \nmit Schwimmh\u00e4uten ausgestattet. Es hopste und quakte fr\u00f6hlich vor sich \nhin. Am schlimmsten jedoch war ein gallertartiges, schwarzes Zellgewebe \nvon mindestens 5 Meter Ausma\u00df. Unentwegt wuchsen und verschwanden \nGliedma\u00dfen, Tentakel und andere Ausw\u00fcchse aus ihm heraus. Ich wendete \nmich ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Haus hingen einige Banner. Das gr\u00f6\u00dfte sagte aus, dass\n hier der 1849. Jesus-Kongress abgehalten wurde. Andere trugen banalere \nAufschriften: &#8222;Marx ist tot, Jesus lebt.&#8220; &#8222;Jesusse aller Welt vereinigt \neuch&#8220; oder eine Karikatur mit 2 Menschen. Darunter stand &#8222;Ich bin \nJesus.&#8220; und &#8222;Sind wir das nicht alle?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Holmes hockte w\u00e4hrend \ndessen vor dem Toten. Er untersuchte ihn gr\u00fcndlich, drehte ihn auch \nmehrfach um. Dann erhob er sich. Ich fragte: &#8222;Holmes, sch\u00f6n Sie wieder \nzu sehen.&#8220; <br>&#8222;Die Freude, Watson, ist ganz auf meiner Seite.&#8220; <br>&#8222;Holmes, warum sind wir hier?&#8220; &nbsp;<br>&#8222;Ist das nicht offensichtlich, Watson? F\u00fcr diesen Fall braucht man den gr\u00f6\u00dften aller Detektive. Und das bin nun mal ich.&#8220;<br>Jesus\n r\u00e4usperte sich: &#8222;Hmm, nun ja, das stimmt nicht so ganz. Die meisten \nhier waren ja eher f\u00fcr Nero Wolfe, aber wir f\u00fcrchteten um das B\u00fcffet. \nUnd Pater Brown kam auch nicht in Frage, weil unser Vater und sein \nArbeitgeber nicht einer Meinung sind. Die gr\u00f6\u00dfte Detektivin ist \nnat\u00fcrlich Miss Marple, aber einige wollten hier keine Frauen&#8230;&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Holmes fragte schnell: &#8222;Wer hat ihn gefunden?&#8220; <br>Jesus\n antwortete: &#8222;Das war unser Freund Jesus dort.&#8220; Er zeigte auf einen \nBall. Dieser h\u00fcpfte aufgeregt. &#8222;Leider ist er nicht der Sprache \nm\u00e4chtig.&#8220; Ehrlich gesagt sah er auch nicht so aus, als w\u00e4re er zu einer \nGewalttat f\u00e4hig und schied sofort als Verd\u00e4chtiger aus.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Und wie \nlange hat er hier gelegen, denken Sie?&#8220; Jesus entgegnete: &#8222;Du kannst \nmich \u00fcbrigens duzen. Dieses ganze Siezen ist doch Bl\u00f6dsinn.&#8220; Nach einer \nkurzen Pause fuhr er fort: &#8222;Zeit ist f\u00fcr uns nicht so bedeutsam. Ein \nZeitbegriff w\u00fcrde sie nur verwirren.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sherlock Holmes wechselte das Thema: &#8222;Was tun Sie hier eigentlich?&#8220; Diese Frage stellte ich mir schon l\u00e4nger.<\/p>\n\n\n\n<p>Jesus\n antwortete: &#8222;Ein ganz normaler Kongress. Wir erz\u00e4hlen unsere \nErfahrungen. Vor allen die Jung-Jesusse, die noch nicht gestorben sind, \nsind sehr wissbegierig. F\u00fcr sie gibt es einen Einf\u00fchrungsvortrag mit dem\n Titel \u201aWarum das Ganze&#8216;. Die Gewerkschaft fordert wie immer geringere \nLeidenszeit und keine peinlichen Steinigungen mit Essiggurken mehr &#8211; \nwobei die sowieso sehr selten sind. Zum Abschluss des offiziellen Teils \ndann das j\u00e4hrliche Gedenken an Nazareth. Da begann unsere Erfolgsstory. \nNachdem offiziellen Teil essen wir dann und reden miteinander. Meistens \nsind es die \u00fcblichen Anekdoten. Wie der Jesus auf Andromeda mit der \nMaria Magdalena durchgebrannt ist. Das irgendeiner von uns sich doch mal\n Rom angucken sollte. Oder die Sache mit dem Jesus und dem Esel auf \nEpsilon 3. Halt das \u00fcbliche.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Holmes zog mich zur Seite und \nbedeutete Jesus, dass wir eine kurze Zeit alleine brauchten. &#8222;Watson, \ndas ist mein gr\u00f6\u00dfter Fall, und ich glaube, dass ich ihn gel\u00f6st habe. Sie\n m\u00fcssen diesen Fall ihren Aufzeichnungen hinzuf\u00fcgen.&#8220; &#8222;Holmes, ich kann \ndas alles nicht glauben.&#8220; To see is to believe (&#8222;Zu sehen ist zu \nglauben.&#8220;) Von etwas weiter kam eine Stimme &#8222;You get what you see.&#8220; (&#8222;Du\n kriegst was du siehst.&#8220;) Und eine weitere: &#8222;der Spruch ist doch \nsp\u00e4testens seit dem Trojanischen Pferd out.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Privatsph\u00e4re gab es wohl nicht. Wir traten wieder auf Jesus zu. <\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&#8222;Eine\n Frage habe ich noch.&#8220; Sherlock Holmes schaute in das weite Rund, auf \ndie sehr verschiedenen Jesusse, auf die Einrichtung. &#8222;Warum sieht das \nalles so menschlich aus, beinahe irdisch?&#8220; &#8222;Oh, das ist einfach&#8220; sagte \nunser Jesus. &#8222;Nur die Menschen haben diese gro\u00dfartige Erfindung \ngemacht.&#8220; Er nahm ein mit Fleischst\u00fccken und Salat gef\u00fclltes Brot. &#8222;Den \nD\u00f6ner. Jeder mag D\u00f6ner.&#8220; Von links keifte ein \u00e4lterer, kleiner Jesus: \n&#8222;Das ist nicht koscher!&#8220; &#8222;Na gut, fast jeder.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Holmes schwieg. Er\n spielte mit seiner leeren Pfeife. Dann pl\u00f6tzlich sagte er: &#8222;Ich werde \nihnen jetzt den M\u00f6rder nennen.&#8220; Pl\u00f6tzlich kam Bewegung in die vielen \nJesusse. Es m\u00fcssen Millionen Augen gewesen sein, die pl\u00f6tzlich auf \nHolmes schauten. Er lie\u00df sich nicht beeindrucken.<\/p>\n\n\n\n<p>Sherlock Holmes\n zeigte auf einen langhaarigen Jesus in der Menge: Er zog, wie es zu \ndiesem Zeitpunkt \u00fcblich war, den Satz in die L\u00e4nge: &#8222;Und dort &#8230; ist \n&#8230; der M\u00f6rder: Ergreift ihn.&#8220; Der Beschuldigte wollte fl\u00fcchten, doch \nder heilige Zorn war \u00fcber die Menge gekommen. Er wurde von mindestens 6 \nJesussen &#8211; einige davon mit Tentakeln &#8211; nach vorne gezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mein\n Sohn, der lange Schlaf, welcher der Tod nun ist, muss dich noch in \nseinem Bann haben. Wir Jesusse k\u00f6nnen gar keinen t\u00f6ten. Es liegt an den \nGenen.&#8220; Holmes l\u00e4chelte und sch\u00fcttelte den Kopf. &#8222;Aber er ist Jesus!&#8220; \nrief Jesus. Von mehreren Seiten kam &#8222;Sind wir das nicht alle?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Holmes\n l\u00e4chelte weiter. &#8222;Nat\u00fcrlich war er es.&#8220; Er riss dem Jesus die Haare vom\n Kopf &#8211; es war augenscheinlich eine noch nicht einmal gut gemachte \nPer\u00fccke &#8211; und hielt sie an sein Kinn. Ein Aufschrei ging durch die \nMenge. Der so Skalpierte riss sich los. Er sagte laut: &#8222;Sie k\u00f6nnen mir \nnichts beweisen!&#8220; Holmes hielt ein Buch hoch. Auf dem Einband stand: \n&#8222;Das Kapital&#8220;. Der Verd\u00e4chtige schrie: &#8222;Nat\u00fcrlich war ich es. Dieses \ndauernde Gestichel, die Reden &#8211; selbst da&#8220; er zeigte auf das Spruchband,\n dass mir schon zu Anfang aufgefallen war. &#8222;Marx ist tot, Jesus lebt &#8211; \ndas ist doch Humbug. Ich lebe, und ich werde den Massen helfen, sich zu \nerheben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Quod est demonstrantum.&#8220; Holmes steckte sich seine \nPfeife an und begab sich auf die Suche nach Kokain. Was die Jesusse mit \nMarx anstellten? Ich wei\u00df es nicht. Ich ging wieder zum Haus. Und in dem\n Moment, an dem ich die Schwelle \u00fcbertrat, empfing mich der gn\u00e4dige Tod.\n\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich morgens aus dem Haus trat, lag Jesus leblos vor der Haust\u00fcr. Und damit begann in ein absonderliches Kapitel in meinem Leben: Die Jesus-Story Verwunderlich allein ist schon die Tatsache, dass ich ebenfalls schon tot sein sollte. Ich erinnere mich wie gestern. 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