{"id":335,"date":"2007-10-26T07:48:15","date_gmt":"2007-10-26T07:48:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.palandun.de\/?p=335"},"modified":"2020-02-29T07:48:59","modified_gmt":"2020-02-29T07:48:59","slug":"die-rolle-des-klopapiers-im-literaturwissenschaftlichen-kontext","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palandun.de\/index.php\/2007\/10\/26\/die-rolle-des-klopapiers-im-literaturwissenschaftlichen-kontext\/","title":{"rendered":"Die Rolle des Klopapiers im literaturwissenschaftlichen Kontext"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Vorlesung von Professor Dr. Joseph Taubenschlag<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lassen Sie sich von mir entf\u00fchren zu einer gro\u00dfartigen Reise in unsere Vergangenheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die\n Idee, sich den Hintern abzuwischen, kam schon unseren Urahnen. Bl\u00e4tter \nund St\u00f6cke erledigten diese Arbeit. Erst die alten Ph\u00f6nizier kamen auf \ndie Idee, k\u00fcnstlich hergestellte Produkte zu benutzen. Dummerweise wurde\n damals noch die Steintafel dem Papyrus bevorzugt, und das erwies sich \nals fatal bei der S\u00e4uberung des Hinterns. So ist ein alter Spruch \n\u00fcberliefert, dessen \u00dcbersetzung ungef\u00e4hr lautet: &#8222;Oh je, Oh je, \nKlopapier tut weh.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der n\u00e4chste Versuch wurde bei den R\u00f6mern \nunternommen. Dort sind die ber\u00fchmten literarischen Orgien bekannt. Dazu \nist zu sagen, dass die alten R\u00f6mer (Nicht jedoch die \u00e4ltesten, die \nzumeist an Gastritis und \u00e4hnlichen Leiden litten.) neben der bekannten \nund ber\u00fchmten Gaumen-G\u00e4nsefeder-Methode auch die weniger bekannte, aber \nebenso effektive Methode zur Leerung des Magens kannten: die sogenannte \nGenug-\u00d6l-geht-auch-Methode. Reiche R\u00f6mer lie\u00dfen&nbsp; ihren Hausdichter bei \ndiesen Anl\u00e4ssen seine neuesten Werke vorlesen, danach wurde der Papyrus \nanderen Zwecken zugef\u00fchrt. Diese gilt auch als eine der \u00e4ltesten Formen \nder Literaturkritik. Die \u00e4lteste ist die Steinigung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die R\u00f6mer \nversuchten sie auch an der Gr\u00fcndung einer richtigen Klopapierindustrie \nund gr\u00fcndeten daf\u00fcr die Stadt Kloaka Agrippa, das heutige K\u00f6ln. Die \nSache ging allerdings in die Hose, da die n\u00f6tigen Schmiergelder nicht \nflossen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unsere Vorfahren, die Germanen, benutzten \u00fcbrigens Stroh\n und Laub und gelten zurecht als Klopapierarisch uninteressant. Es sei \nallerdings zu erw\u00e4hnen, dass der Germanische Anf\u00fchrer Sodfried im Jahre \n19 nach Christus der erste war, der tats\u00e4chlich Klopapier erfand. Die \nErfindung musste jedoch auf Eis gelegt werden, da die Germanen noch kein\n Klo kannte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Mittelalter wurde Moos sowie bei Reichen \nSchafswolle benutzt, diese Materialien erwiesen sich nach jahrelangen \nVersuchsreihen als wenig literarisch nutzbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Umkehr des \nliteratur-toiletterischen Kontext geschah \u00fcbrigens w\u00e4hrend der \nKreuzz\u00fcge, als ostfriesische Ritter und Buchgelehrter einen besonderen \nNutzen von B\u00fcchern in der W\u00fcste erkannte, wo weder Moos noch Schafswolle\n vorhanden war. Er war danach kein Buchgelehrter mehr, sondern der, der \ndas Buch geleert hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das erste offizielle Toilettenpapier wurde \nin China produziert. Somit waren die Chinesen auch hinten vorne. Es \nentstanden hervorragende Werke wie zum Beispiel das Haiku des Dichters \nHin-Ten Laus, dessen \u00dcbersetzung \u00fcber Google wie folgt klingt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gr\u00fcn G\u00e4nsefeder weich<br>Abort Kohlenstoffmonoxid Beagle<br>Papier Gamsbart Ofenschwarz<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was uns der Dichter damit sagen will, wei\u00df ich leider nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die\n zunehmende Industrialisierung sorgte 1857 in den USA f\u00fcr das erste \nFabrik-hergestellte Klopapier, das perforierte Toilettenpapier jedoch \nbrauchte noch einige Jahre l\u00e4nger bis zur Existenz, seit 1890 wurde es \nauf Rollen ausgeliefert. Arme Dichter, die sich kein Schreibpapier \nleisten konnten, schrieben zu dieser Zeit auf Klopapier. So kann man das\n ganze Werk des Briten Edgar Allen Poe als Klopapierlyrik bezeichnen. \nSein ber\u00fchmtestes Werk &#8222;Der Rabe&#8220; wurde dem Verlag auf 2 Rollen \nbilligstem Klopapier geliefert und enthielt deswegen in den ersten \nbeiden Auflagen auch einige Fehler, da die Tinte verlaufen war. \nVielleicht sorgte das daf\u00fcr, dass Poe so unverst\u00e4ndlich blieb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In\n Deutschland gr\u00fcndete Hans Klenk 1928 in Ludwigsburg die erste \nToilettenpapierfabrik. Damals bestand eine Rolle aus 1.000 Blatt rauen \nKrepppapiers. 1938 wurde der Druck von F\u00fchrerzitaten auf dem Klopapier \nangeordnet. Seitdem werden Nazis auch als &#8222;die Braunen&#8220; bezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1958\n verbreitete sich &#8211; aus Amerika kommend &#8211; das weichere Tissue-Papier, \ndas auf der Haut viel angenehmer als das Krepppapier ist. Aus dieser \nZeit stammt auch das Lied &#8222;toilet paper&#8220; mit dem Refrain &#8222;toilet paper &#8211;\n my baby has toilet paper &#8211; yeah yeah&#8220; von der Gruppe &#8222;the toilet \npapers&#8220; &#8211; zum Gl\u00fcck ein One Hit Wonder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Siegeszug des \nKlopapiers wurde nur kurz aufgehalten, als ein \u00fcbereifriger Editor aus \nTolkiens &#8222;Der Herr der Ringe&#8220; in der amerikanischen Ausgabe die Aussage \nstrich, die Zwerge h\u00e4tten das Klopapier erfunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1973 gab es in \nJapan w\u00e4hrend der \u00d6lkrise die sogenannte Toilettenpapier-Panik. Das \nGer\u00fccht einer zu erwartenden Verknappung von Toilettenpapier aufgrund \nder beschr\u00e4nkten \u00d6limporte f\u00fchrte zu Hamsterk\u00e4ufen und diese \ntats\u00e4chliche zur Verknappung. Einen \u00e4hnlichen Fall gab es in Hawaii. \nSamuel Beckett schrieb aus diesem Grund sein ber\u00fchmtes &#8222;Warten auf das \nKlo&#8220;, in der er das autobiographische Erlebnis verarbeitete, dass er \nw\u00e4hrend der Knappheit erfuhr: er konnte nur einmal pro Woche richtig \ndoll&#8230; sie k\u00f6nnen sich das vorstellen. Es blieb das Jahr des \nKlopapiers: Heiner Gei\u00dfler legte seine Diplomarbeit &#8222;Die berufrechtliche\n Stellung von Klopapier in Klopapier &#8222;Das Recht auf Klopapier nach Art. 4\n Abs. 3 des Grundgesetzes&#8220; vor, und das Bundesverfassungsgericht \nbeschloss, dass Klopapier zu den nicht zu pf\u00e4ndenden Gegenst\u00e4nden \ngeh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ab da jagte ein literarisches Werk das n\u00e4chste. In Frank \nHerberts &#8222;Der B\u00fcrstenplanet&#8220; geht es um die herrschende Familie des \nPlaneten, der das Monopol auf Klopapier und andere Abort-Produkte \nbesitzt. Parallel dazu erz\u00e4hlt die Fantasy-Autorin Marion Zimmer-Bradley\n in ihrer Darkunder-Reihe von einer Welt, in der die M\u00e4nner den Frauen \ndas Klopapier vorenthalten. Auch der Krimi-Autor Freddy D\u00fcrrenmatt \nbesch\u00e4ftigt sich im tiefenpsychologischen Werk &#8222;Der Verdacht&#8220; mit der \nSuche nach demjenigen, der die Bremsspuren nach Benutzung des Klos \nniemals entfernte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch in der Musik konnte der Einfluss des \nKlopapiers vergr\u00f6\u00dfert werden. Rolf Zuckowski nannte in seiner Version \ndes Lieds &#8222;Ich mag&#8230;&#8220; explizit das Klopapier, Meat Loaf schrieb eine \nganze Klopapierhymne &#8222;You took the shit out of my arse&#8220; und den \nabsoluten H\u00f6hepunkt erlebte die mittlerweile gro\u00dfe \nKlopapier-Anh\u00e4ngerschaft bei den Punkband, die sich auf der B\u00fchne&#8230; \naber ich schweife ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den 80er und 90er Jahren verflachte die \nKlopapieristik zunehmend: Die Wildecker Furzbuben eroberten mit dem Lied\n &#8222;Schei\u00dfilein&#8220; die Charts, TicTacToe konterten mit &#8222;Kack ab man, jetzt \nbin ich dran&#8220; und Los Klopapier mit dem &#8222;Klopapier-Song&#8220;. Man erinnert \nsich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Flaute hielt sich bis zum Anfang des jetzigen Jahrtausends.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr\n Aufsehen in Presse, Funk und Fernsehen sorgte im Jahr 2002 der \nSchriftsteller Mike Bartel, als er zum ersten Mal B\u00fccher (mit ISBN) in \nForm von mehreren Toilettenpapier-Rollen ver\u00f6ffentlichte. Die so \ngenannte Klopapier-Literatur wurde sogar bei der Frankfurter Buchmesse \npr\u00e4sentiert, der Verlag hatte daf\u00fcr ein Kloh\u00e4uschen gemietet. Getoppt \nwurde das im n\u00e4chsten Jahr durch Siggi Lierschs K\u00f6ttel-Books, die&#8230; \naber lassen wir das lieber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcberliefert von dieser Messe ist auch\n die Aussage Marcel Reich-Ranickis: &#8222;Das neueste Werk von G\u00fcnter Grass \nist h\u00f6chstens als Klopapier zu gebrauchen.&#8220; Die Antwort aus \nLiteratensicht lautete: &#8222;Erst wenn das letzte Buch vernichtet, der \nletzte Buchstabe zerlegt und der letzte Autor geistig hingerichtet \nwurde, werdet ihr sehen, dass man Reich-Ranicki nicht lesen kann.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit\n einigen Jahren ist Klopapier in aller Munde. Neben \ntrivialvideoristischen Sendungen wie RTLs &#8222;Die 10 schlimmsten Ereignisse\n mit Klopapier&#8220; und die &#8222;100 Jahre Klopapier-Gala in der ARD&#8220; (nat\u00fcrlich\n mit J\u00f6rg Pillerwa) konnte die preisgekr\u00f6nte BBC-Dokumentation &#8222;Eine \nkurze Geschichte des Abwischens&#8220; und der franz\u00f6sische Kurzfilm &#8222;Die \nLiebe des Klopapierherstellers Gustave&#8220; in der Publikumsgunst punkten. \nLeider reichte es nicht zu einem Oscar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was wird uns die Zukunft \nbringen? Werden wir endlich das selbstabrollende Klopapier bekommen? \nWird die Frankfurter Rundschau endlich das Format auf \ntoilettenfreundliche Abrei\u00dfstreifen umstellen? Wird Wolfgang Sch\u00e4uble \nRFID-Chips auf jedem Klopapierst\u00fcck fordern, um Terroristen quasi von \nhinten erledigen zu k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man wird sehen. Aber nicht heute. Ich muss mal. Und deswegen rufe ich Ihnen zu:<br>Frohes Flutschen, meine Damen und Herren<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">P.S.:\n Alle Ereignisse und Aussagen wurden den jeweiligen Personen in den \nMund, die Hand oder sonst wo gelegt. Nur Mike Bartel hat tats\u00e4chlich \nKlopapier mit ISDN-Nummern ausliefern lassen. Der Autor gibt es jetzt \nkeine wertende Aussage dar\u00fcber ab.\n\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorlesung von Professor Dr. Joseph Taubenschlag Lassen Sie sich von mir entf\u00fchren zu einer gro\u00dfartigen Reise in unsere Vergangenheit. Die Idee, sich den Hintern abzuwischen, kam schon unseren Urahnen. Bl\u00e4tter und St\u00f6cke erledigten diese Arbeit. Erst die alten Ph\u00f6nizier kamen auf die Idee, k\u00fcnstlich hergestellte Produkte zu benutzen. 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