{"id":341,"date":"2009-01-21T07:52:50","date_gmt":"2009-01-21T07:52:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.palandun.de\/?p=341"},"modified":"2020-02-29T07:53:26","modified_gmt":"2020-02-29T07:53:26","slug":"der-kleine-automat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palandun.de\/index.php\/2009\/01\/21\/der-kleine-automat\/","title":{"rendered":"der kleine Automat"},"content":{"rendered":"\n<p>\nDer 14.Januar 2009 war ein besonderer Tag: bei der Deutschen Bahn ging nichts mehr. Also noch weniger als sonst. Und das war so:<\/p>\n\n\n\n<p>9.00 Sprockh\u00f6vel<br>Eine\n Schar von 20 Rentnern auf einem Tagesausflug betritt den Bahnhof. \nZielstrebig entscheiden Sie sich f\u00fcr einen der zahlreichen zwei \nBahnautomaten. <\/p>\n\n\n\n<p>Es dauert nur 20 Minuten bis die personellen \nDaten der Gruppe eingegeben sind: 17 Mitglieder \u00fcber 65, 3 mit \nBehindertenausweis, davon 1 abgelaufen und 1 gef\u00e4lscht. Ein \nRentnerehepaar bringt die 5j\u00e4hrige Enkelin mit, ein Alleinreisender \nRentner seinen 15j\u00e4hrigen Lustknaben. Es sind 8 Frauen und 11 M\u00e4nner. \nBei einem\/einer Mitreisenden kann man das nicht mehr so genau \nfeststellen. Unter den Reisenden befinden sich 2 ehemalige Bahner, davon\n ein Bahnbeamter und ein Bahnunbeamter. Vorletzterer gibt \u00fcbrigens die \nDaten ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bahnautomat f\u00e4ngt an zu rechnen. Au weia. Dieser \nTag geht ja schon mal gut los. Da hat man sich auf einen gem\u00fctlichen \nVormittag eingerichtet, und dann das. So was war ja noch nie da. Ein \nRentner, der mit der Benutzeroberfl\u00e4che zurecht kommt und alles eingeben\n kann. Der Automat funkt erst mal an seine Kollegen. &#8222;Boah, habt ihr so \nwas schon mal erlebt?&#8220; Kollegen zur\u00fcck: &#8222;N\u00f6, aber erz\u00e4hl mal weiter.&#8220;&nbsp; \nDer kleine Automat antwortete mit einer Frage: &#8222;Gruppentarif&#8230; wie ging\n denn das noch mal?&#8220; Die Automaten kamen ins Gespr\u00e4ch. Jeder hatte so \neine kleine Anekdote zum Thema Rentner, Gruppentarif&#8230;.<\/p>\n\n\n\n<p>Das \ninteressante dabei ist, dass die ganze Automatendiskussion gleich nach \nBerlin weitergegeben wird. Seit der Bundestrojaner aus Versehen auch auf\n Bahnautomaten installiert wurde, ist der Herr aus dem Wahlkreis \nOffenburg mit seinen Jungs immer informiert. Der Computer aus dem \nMinisterium f\u00fcr Bundesinneres merkt auch sofort an: &#8222;so eine Kombination\n aus Mitreisenden ist h\u00f6chst ungew\u00f6hnlich. Brauchen mehr Daten. \nBeobachten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Beobachten bedeutet in diesem Fall f\u00fcr den Automaten\n &#8211; ja was eigentlich. Der Automat stellt sich dumm und zeigt den \nau\u00dferordentlich sch\u00f6nen, aber auch irgendwie uninteressanten \nWartebalken. Minutenlang. W\u00e4hrenddessen \u00fcberlegt er sich, wie er Leute \nbeobachten soll. Kameras w\u00e4ren schon sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Den 69j\u00e4hrigen \nR\u00fcdiger F., Bediener des Automaten und pensionierter Bahnmitarbeiter, \n\u00fcberkommt eine pl\u00f6tzliche reaktion\u00e4re Regung, die in 45 Jahren \nBeamtentum nie in ihm aufgestiegen war. Er tritt gegen den Automaten. \nDas h\u00e4tte er nicht tun sollen. Das muss man jetzt erkl\u00e4ren. In modernen \nAutomaten gehen die Hersteller immer mehr dazu \u00fcber, eine Tritterkennung\n anzubringen. Einerseits wird mit Hilfe des genetischen Fu\u00dfabdrucks dann\n gleich eine Schadensersatzklage gegen den Treter angestrengt, \nandererseits wird zur Vermeidung von Sch\u00e4den am Automaten die Berechnung\n mit einer h\u00f6heren Priorit\u00e4t durchgef\u00fchrt. Im Fall unseres kleinen \nBahnautomaten werden alle Daten ins Rechenzentrum weitergeleitet, dass \nzuf\u00e4llig auch in Berlin steht. (Bahnautomat:)&#8220;Nee, kann ich jetzt nix \nmehr machen, das geht jetzt an den Chef.&#8220; Durch die ungeahnte \nKomplexit\u00e4t des eingegebenen und des bisher berechneten kommt es zu \neiner momentanen \u00dcberbelastung des Bahneigenen Computernetzes, die \nallerdings noch nicht zu der Katastrophe f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Komplizierte \nBerechnung. Und mit h\u00f6chster Prio. Das Rechenzentrum rechnet und \nrechnet. Da werden alle Rechner mal mit eingebunden, auch die, die \neigentlich f\u00fcr Weichenstellungen und f\u00fcr die Dienstpl\u00e4ne zust\u00e4ndig sind.\n Ist auch nicht einfach. Da muss ja Rentnertarif her. Aber die zwei \nBehinderten einrechnen. Oder drei. Oh, die fahren auch mit Regionalbahn.\n Da gilt der Rentnertarif nicht. Aber Dauersparoberspezial f\u00fcr Herbst. \nAch nee, nicht Dienstag. Das gilt nur Mittwochs vor Feiertagen, jeden 3.\n Donnerstag und an Papa Mehdorns Geburtstag. Wegen der Verwandten. In \nder alternativ angebotenen Fahrt 15 Minuten sp\u00e4ter greift der 10:00 bis \n10:30 Tarif. Aber nicht, wenn der Zug Versp\u00e4tung hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle \nanderen Anfragen werden mit einem &#8222;Nee, jetzt nicht. Jetzt wichtig.&#8220; \nbeantwortet. Endlich ist die L\u00f6sung da. 5 Strecken mit 20 verschiedenen \nPreisangeboten. Teilweise mit Einschr\u00e4nkungen: Seniorenspartarif ist 5 \nEuro billiger, wenn keine Senioren mitfahren. Stolz meldet das \nRechenzentrum das Ergebnis. An alle. Das sollen alle wissen, dass das \nRechenzentrum das kann. An Millionen von Bahnautomaten wundern sich die \nKunden, warum sie statt der Reise z.B. von M\u00fcnchen nach Hamburg die \nStrecke Sprockh\u00f6vel nach Limburg angeboten kriegen. Das Rechenzentrum \nist stolz. &#8222;Was ich alles kann.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da kommt die eilige Meldung vom \nRechner im Bundesinnenministerium an den kleinen Automaten. &#8222;Weiter \naufhalten. Wir pr\u00fcfen noch.&#8220; Gerade rechtzeitig. Der Automat wollte \ngerade schon anzeigen. Was jetzt? Automat beschlie\u00dft: &#8222;Ich lass mal \nProbe rechnen.&#8220; Und schickt die Anfrage mit dem bisherigen Ergebnis \nwieder ans Rechenzentrum. Das Rechenzentrum ist noch im Siegestaumel. Da\n kommt die neue Anfrage.<\/p>\n\n\n\n<p>Rechner im Bundesinnenministerium: noch \nso eine Anfrage? Das ist unm\u00f6glich. Da steckt mehr hinter. Terroralarm! \nDie GSG 9 wird verst\u00e4ndigt. Seit Bad Kleinen kennen die sich mit \nBahnverkehr bestens aus.<\/p>\n\n\n\n<p>In Zusammenarbeit mit Sch\u00e4uble kann man \nja demn\u00e4chst auch seine DNA bei der Bahn hinterlegen. Dann packt man den\n Automaten an und der ermittelt sofort: das ist Kalle, 43 Jahre, \nm\u00e4nnlich. Kalle hat ne Bahncard 50 und f\u00fcr ihn gilt der Blondentarif. \nDer Automat berechnet dann automatisch, wohin man fahren will, zu \nwelcher Zeit und zu welchen Preis und bucht das gleich vom Konto ab. Man\n kriegt auch keine Fahrkarte mehr, man muss nur einsteigen. Der \nNacktscanner am Zugeingang ermittelt dann nicht nur die eigene \nUnbedenklichkeit sondern auch ob man bezahlt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn der \nBundestrojaner erst richtig verteilt ist, dann braucht man noch nicht \nmal die Daten daf\u00fcr selbst eingeben. Dann wird der Fingerabdruck direkt \nvon der eigenen Computertastatur genommen, und die restlichen Daten \nkriegt man irgendwie auch aus dem, was man im eigenen Computer hat. Das \nkann dann auch gleich f\u00fcr Werbung genutzt werden. Die Automaten k\u00f6nnen \ndann bestimmt auch sprechen. &#8222;Ich habe Ihnen dann in M\u00fcnchen gleich eine\n U-Bahnfahrkarte mitgekauft zum Karlsplatz, da k\u00f6nnen Sie dann erst mal \nzu Beate Uhse.&#8220; Wenn der Fahrgast dann rot wird und was stammelt von \n&#8222;Habe ich doch gar nicht n\u00f6tig, was soll das denn?&#8220; antwortet der \nAutomat: &#8222;Das haben wir gerne. Da will man nur helfen und schon wird man\n angemacht. Wer ist denn gestern 1 Stunde lang im Internet auf \nPornoseiten gewesen? Ich war das nicht.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber zur\u00fcck zum \nAutomaten und zum Rechenzentrum. Die beiden haben aus dem \nInnenministerium die Anweisung gekriegt: &#8222;Die verd\u00e4chtigen aufhalten.&#8220; \nF\u00fcr einen Automaten eine schwierige Sache. Der Automat \u00fcberlegt: \nvielleicht w\u00e4re es ja m\u00f6glich, Wechselgeld auszuspucken und den Anf\u00fchrer\n im Ausgabeschacht einzukeilen. Nein, Mist, es gibt ja kein Wechselgeld \nmehr, man muss mit Karte bezahlen. Vielleicht kann man die EC-Karte \nverlangen und dann mit so einer Wucht ausspuken, dass der Eingebende \nK.o. geht? <\/p>\n\n\n\n<p>Das Rechenzentrum wei\u00df auch nicht genau, was zu tun \nist. Das ist neu f\u00fcr so ein Rechenzentrum. Es ger\u00e4t v\u00f6llig in Panik: es \nrechnet immer wieder die Ergebnisse nach, schickt sie aber an sich \nselbst &#8211; dem Automaten darf es das Ergebnis ja nicht geben. Da die \nErgebnisse immer wieder anders sind &#8211; so einfach sind die Tarife der \nBahn selbst f\u00fcr Computer nicht &#8211; herrscht bitweise Panik. Das \nRechenzentrum ist ja quasi nur noch mit sich selbst und den 20 Rentnern \nbesch\u00e4ftigt. S\u00e4mtliche Computer interessiert nur noch eins: warum will \nheute jeder nur noch Rentnertarif? Da ist keine Zeit mehr f\u00fcr anderes.<\/p>\n\n\n\n<p>Es\n gibt auch nichts anderes mehr. Es geht nichts mehr rein, es geht nichts\n mehr raus. Jede Anfrage wird mit &#8222;Jetzt nicht, Papi arbeitet&#8220; \nbeantwortet. Das ist dann ein bisschen doof f\u00fcr die Bahnangestellten, \ndie das auf ihrem Schirm sehen. Es bleibt nur noch eine Hoffnung: dass \ndie GSG 9 endlich kommt. Die kommen aber nicht, die versuchen am Bahnhof\n Bochum gerade eine Fahrkarte zu ziehen. <\/p>\n\n\n\n<p>In Berlin geht nichts mehr. Der Betriebsf\u00fchrung bleibt nur noch eine L\u00f6sung: sie dr\u00fccken den Hauptschalter. Stille. Alles aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Also\n so ungef\u00e4hr muss das abgelaufen sein. So legten 20 terroristische \nRentner die ganze Bahn lahm. Ger\u00fcchteweise plant die Rentnergang \ndemn\u00e4chst einen Tagesausflug nach Berlin. Mit dem Flieger von Dortmund \naus. Ist billiger. Und man kommt auch an. Vielleicht.<\/p>\n\n\n\n<p><em>P.S.: Stimmt es eigentlich, dass Wolfgang Sch\u00e4uble schon als Kind h\u00f6lzerne Pferde gebaut hat?<br>P.P.S.:\n Die Geschichte war nat\u00fcrlich erlogen. Ein Detail kann gar nicht \nstimmen. Wer es findet, darf den Autoren benachrichtigen, um ein Lob zu \nerhalten.&nbsp; <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 14.Januar 2009 war ein besonderer Tag: bei der Deutschen Bahn ging nichts mehr. Also noch weniger als sonst. Und das war so: 9.00 Sprockh\u00f6velEine Schar von 20 Rentnern auf einem Tagesausflug betritt den Bahnhof. Zielstrebig entscheiden Sie sich f\u00fcr einen der zahlreichen zwei Bahnautomaten. 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