{"id":778,"date":"2020-03-08T15:58:00","date_gmt":"2020-03-08T15:58:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.palandun.de\/?p=778"},"modified":"2020-03-05T15:59:49","modified_gmt":"2020-03-05T15:59:49","slug":"sternenklar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palandun.de\/index.php\/2020\/03\/08\/sternenklar\/","title":{"rendered":"Sternenklar"},"content":{"rendered":"\n<p> Sternenklar.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Turme stand die Prinzessin und bang. War ihr Retter nah? W\u00fcrde er kommen?<br>\nHundert Jahre sie stand. Oder sa\u00df. Oder a\u00df. Und wartete. Die sch\u00f6nste aller Sch\u00f6nen, der Fluch aller Fl\u00fcche. Eine Held sollte es sein. Ein Ritter strahlend sch\u00f6n. Das Paar der Zeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie stellte sich vor. Den Kuss. Den ersten und wertvollsten Kuss. Den Kuss, der die Welt ersch\u00fcttern w\u00fcrde vor Freude. W\u00fcrde er blaue Augen haben? Einen kecken Bart? W\u00fcrde er ein strahlender Krieger sein? Und Poet des Herzens? <\/p>\n\n\n\n<p>Sternenklar.<br>\nGoldnes Haar.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag er nahte. Der Tag der Entscheidung. Drei mal drei Jahre der \u00dcbung. Er war ein stattlicher junger Mann geworden, der junge Prinz. Ein Mann mit Kraft und Mut, ein Krieger mit Stolz und Eleganz. Bald Herrscher eines Landes, bald Gatte der Wundersch\u00f6nen. Seit einhundert Jahren stand der Turm im kahlen Wald. Seit 100 Jahren hauste dort der Drache und bewachte sie, die so sch\u00f6n war wie der Beginn der Welt. Der Magier, dessen Liebe sie hatte verschm\u00e4ht, lag in seinem steinernen Grab, erschlagen von seinen eigenen Intrigen, get\u00f6tet durch seine Gier. Doch der Drache wachte weiter, einem unsinnigen Auftrag folgend, in einem endlosen Kreis von Gewalt. Immer wieder gefordert von mutigen, dann aber toten Rittern, von Flammen verzehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sternenklar.<br>\nGoldnes Haar.<br>\nFlamme der Nacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie schaute aus dem Fenster in das helle Morgenlicht. Und sie bemerkte ihn, wie sie so viele bemerkt hatte. In dem Wald w\u00e4hnte er sich sicher, verborgen von B\u00e4umen, von toten \u00c4sten. Doch sie sah ihn. Und der Drache sah ihn. Wenn man so hinausstarrt, Stunde f\u00fcr Stunde, ein Tag nach dem anderen, Monat hinter Monat, Jahr folgt Jahr, wenn man so hinausstarrt, dann sieht man. Sie wusste, dass der Drache noch nichts machen w\u00fcrde. Fr\u00fcher w\u00e4re er \u00fcber den Wald geflogen, und h\u00e4tte ihn sofort angegriffen. Doch jetzt war er m\u00fcde und faul. Er wartete nur. Sie wusste nicht, wovon sich der Drache ern\u00e4hrte. Es war ihr ein R\u00e4tsel. Er spie seine Flammen, es blieb h\u00f6chstens ein Skelett. Doch er a\u00df nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Anfang war sie in Ohnmacht gefallen. Sie dachte sterben zu m\u00fcssen bei dieser Grausamkeit. Doch jetzt war es alles anders. Es war normal. Sie empfand nichts beim Tod derer, die sie nicht retten konnten. Sie wartete nur auf den einen. Doch kamen viele, die nicht der eine waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Sternenklar.<br>\nGoldnes Haar.<br>\nFlamme der Nacht.<br>\nLange gewacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg war lang. Der Wald des Verderbens war gro\u00df, gr\u00f6\u00dfer als ein Mann an einem Tag durchreiten mag. Ein Drache kann weit fliegen, wenn er will. Doch in den letzten Jahren war der Wald geschrumpft. Wurde der Drache schw\u00e4cher?<\/p>\n\n\n\n<p>Er bekam Hunger. Doch hatte er seit Stunden kein Tier gesehen. Der Wald war kein Ort f\u00fcr Leben, dieser nicht. Keine V\u00f6gel. Weder Hase noch Igel. Weder Fuchs noch Dachs. Und h\u00e4tte er gegraben, so h\u00e4tte er nicht einen Wurm gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch da stand es. Ein Reh. Er warf seinen Speer, und dieser heftete das Tier an einen Baum. Er ging n\u00e4her. Da bemerkte er, dass es noch lebte. Und zu seiner Verwunderung sprach es zu ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHaltet ein, edler Ritter, und verschonet mich. Dann werde ich euch von Nutzem sein!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er ging n\u00e4her heran, so dass er neben dem Tier stand. Das Blut floss auf dem Boden, und wo es traf, da entsprang eine Blume, eine Blume so sch\u00f6n wie die Prinzessin seien musste.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBefreit mich, und nehmt die Blume-\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er tat so, und er wunderte abermals. Denn kaum hatte er den Speer aus dem Fleisch gezogen, da schloss sich die Wunde, und das Tier war so sch\u00f6n heil wie je zuvor. Es sprach zu ihm: \u201eDu tatest gut daran, mir Gnade zu gew\u00e4hren. So werde ich dir eines sagen. Deine Schwert wird nutzlos sein gegen den Drachen, und weder Schild noch R\u00fcstung k\u00f6nnen dich retten. Trenne dich von ihnen, und nehme nur die Blume. Gehe mit ihr in der Hand auf den Drachen zu, und halte sie ihm hin. Und dann sieh.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sternenklar.<br>\nGoldnes Haar.<br>\nFlamme der Nacht.<br>\nLange gewacht.<br>\nMagie bringt Sieg?<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wunderte mit ihm. Hunderte Jahre, und vor neunzig hatte sie zum letzten Mal ein Tier gesehen. Und jetzt, nach mehreren Ewigkeiten, war wieder eines im Wald erschienen. Und er hatte es nicht get\u00f6tet, trotz seines Fleisches, seines saftigen Fleisches. Was war geschehen? Warum legte er seine R\u00fcstung ab, sein Schild, sein Schwert? Wollte er sterben? Wollte er sie gar nicht retten? War dies eine neue Gemeinheit des Drachen?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer Blume in der Hand, einer wunderbaren einzigartigen Blume, schritt er zum Turm voran. W\u00e4re doch sie die Blume in seiner Hand gewesen. Doch so w\u00fcrde er es nie schaffen sie zu befreien.<\/p>\n\n\n\n<p>Sternenklar.<br>\nGoldnes Haar.<br>\nFlamme der Nacht.<br>\nLange gewacht.<br>\nMagie bringt Sieg.<br>\nHeldentum ist nicht Krieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Er kam dem Turm n\u00e4her. Dem Turm und dem Drachen. Er sah ihn. Zusammengerollt um den Turm. Doch er r\u00fchrte sich nicht. War der Drache schon tot? Brauchte er ihn nur vom Eingang wegschaffen? <\/p>\n\n\n\n<p>Doch da sah er einen Strahl unter den schweren W\u00fclsten \u00fcber der Bestie Augen. Ein kleiner Strahl des Verderbens, das innere Leuchten. Der Drache, er schlief nicht, er versuchte ihn zu locken. Und lachte er? Umspielte ein L\u00e4cheln das riesige Maul?<\/p>\n\n\n\n<p>Da kam ihm der Gedanke. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier stand er. Ohne R\u00fcstung. Ohne Schild. Ohne Waffe. Nur in seinem Gewande. Er stand ohne Pferd, denn Pferde gehen nicht dorthin, wo Drachen sind. Er war nur das, was ein Mensch nun war. Schwach. Langsam, langsamer als ein Drache. Sterblich.<\/p>\n\n\n\n<p>Er trug das wei\u00dfe Gewand. Ein Gewand, wie auch ein Toter es tragen w\u00fcrde, so fiel es ihm ein. Und er trug nur ein einzige Blume bei sich. Sch\u00f6n, sicher sch\u00f6ner als er. Und doch verletzlicher, noch verletzlicher als er selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Da erhob sich der Drache. Er erhob sich, und er wankte auf den Ritter zu. Der Boden bebte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun h\u00e4tte er sein Schwert erw\u00fcnscht. Ein Streitross. Eine Lanze. Eine dicke R\u00fcstung. Doch nun war es zu sp\u00e4t. F\u00fcr ihn und sein Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Maul \u00f6ffnete sich, und tief im Innern sah er das Feuer, das gewaltige Feuer der Urzeit. Sein Tod war nah. Er schloss die Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sternenklar.<br>\nGoldnes Haar.<br>\nFlamme der Nacht.<br>\nLange gewacht.<br>\nMagie bringt Sieg.<br>\nHeldentum ist nicht Krieg.<br>\nEin alterbrachtes Zeichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Sekunde verging, als w\u00e4re sie ein Jahr. Als w\u00e4re sie viele Jahre. Das ganze Leben umfasste eine Sekunde, zwei Sekunden, drei Sekunden \u2026 Er sp\u00fcrte nichts. War der Tod gn\u00e4dig? War er schon im Himmel angelangt?<\/p>\n\n\n\n<p>Er wusste nicht, wie lange es dauerte, bis er die Augen wieder \u00f6ffnete. Doch er sah, und der Drache sah. Der Kopf kam hervor, und er nahm die Blume aus des Ritters Hand, langsam, vorsichtig, beinahe z\u00e4rtlich. Dann begann der Drache zu steigen, langsam aber kraftvoll, mitten in den Himmel herein. Es st\u00fcrmte, die kahlen B\u00e4ume, selbst der Turm er schwankte. Dann legte sich der Sturm, er wurde immer schw\u00e4cher, und das Schlagen der Fl\u00fcgel wurde leiser.<\/p>\n\n\n\n<p>Da stand er alleine vor dem Turm.<\/p>\n\n\n\n<p>Sternenklar.<br>\nGoldnes Haar.<br>\nFlamme der Nacht.<br>\nLange gewacht.<br>\nMagie bringt Sieg.<br>\nHeldentum ist nicht Krieg.<br>\nEin alterbrachtes Zeichen.<br>\nDrache muss weichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcr schwang auf. Der Ritter trat hinein. Die Treppe war verstaubt, seit einhundert Jahren unbenutzt. Doch nun kam ihr Sinn. Er schritt hinauf. Sein Gewand, es strahlte, wie er es nicht gehofft hatte. Denn K\u00e4mpfe sind schmutzig. Doch nun war es, wie er es immer ertr\u00e4umte hatte. Ohne ihn umgebendes Blech. So wollte er sein. Er wollte ihr Liebhaber sein, ihr ewiger Liebhaber. Er wollte f\u00fcr sie auf alles verzichten, auf das Gold seiner V\u00e4ter, auf das Reich seiner Ahnen, auf alles, was ihm bisher wichtig war.<\/p>\n\n\n\n<p>Der letzte Tritt. Die letzte Stufe. Alles war von ihm abgefallen. Der Stolz und der Ruhm. Da war nur noch er. Er allein. Und sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie stand vor ihm. Im lichtigen Schatten der aufgehenden Sonne. Er war geblendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Sternenklar.<br>\nGoldnes Haar.<br>\nFlamme der Nacht.<br>\nLange gewacht.<br>\nMagie bringt Sieg.<br>\nHeldentum ist nicht Krieg.<br>\nEin alterbrachtes Zeichen.<br>\nDrache mu\u00df weichen.<br>\nHaar es weht.<\/p>\n\n\n\n<p>Da trat sie einen Schritt vor, und die Sonne umstrahlte sie. <br>\nDa erschrak er. <br>\nUnd begriff er.<br>\nUnd er fragte. <br>\nSie sch\u00fcttelte ihr Haupt und ihr ergrautes Haar.<br>\n100 Jahre sind lang.<\/p>\n\n\n\n<p>Sternenklar.<br>\nGoldnes Haar.<br>\nFlamme der Nacht.<br>\nLange gewacht.<br>\nMagie bringt Sieg.<br>\nHeldentum ist nicht Krieg.<br>\nEin alterbrachtes Zeichen.<br>\nDrache muss weichen.<br>\nHaar es weht.<br>\nDoch zu sp\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sternenklar. Im Turme stand die Prinzessin und bang. War ihr Retter nah? W\u00fcrde er kommen? Hundert Jahre sie stand. Oder sa\u00df. Oder a\u00df. Und wartete. Die sch\u00f6nste aller Sch\u00f6nen, der Fluch aller Fl\u00fcche. 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