{"id":99,"date":"1993-07-22T20:11:58","date_gmt":"1993-07-22T20:11:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.palandun.de\/?p=99"},"modified":"2020-02-26T20:13:05","modified_gmt":"2020-02-26T20:13:05","slug":"kelpie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palandun.de\/index.php\/1993\/07\/22\/kelpie\/","title":{"rendered":"Kelpie"},"content":{"rendered":"\n<p> Ein langer Tag neigte sich dem Ende zu. Das schwache, rote Rund der  Sonnenscheibe, tags\u00fcber hinter den Wolken versteckt, wurde noch einmal  sichtbar, bevor sie der Streitwagen des Einen vom Himmel zog. Der Mond,  sie sehns\u00fcchtig verfolgend wie ein treuer Hund oder ein verlassener  Liebhaber, doch niemals sie einholend, \u00fcbernahm die Herrschaft \u00fcber den  Himmel. So wie er es jede Nacht tat seit Anbeginn der Zeit, so wie er es  immer tun wird bis zum Vergehen der Zeit.<br> <br> Er war wieder geschrumpft zu einer schmalen Sichel, und schon bald w\u00e4re  er verschwunden, das war klar; doch w\u00fcrde er wiederkehren und wieder zu  vollkommener Gr\u00f6\u00dfe aufwachsen, denn das war ihm vorbestimmt.<br> <br> In der Ferne, doch weithin zu h\u00f6ren, erklang aus einem Dudelsack eine  fremde, traurige Weise. Gewi\u00df war dort ein Dorf oder wenigstens ein  Geh\u00f6ft. Dort sa\u00dfen alle zusammen in dieser kalten Nacht, an w\u00e4rmenden  Feuer und bei erw\u00e4rmenden Geschichten. Speis und Trank sollten nicht  fehlen, wo sie jetzt eng zusammen sa\u00dfen. Einige Kinder schliefen  wahrscheinlich schon in den Armen ihrer M\u00fctter, doch keiner wollte die  Runde verlassen.<br> <br> Ebenso leise erklang aus entgegengesetzter Richtung das Heulen der  grauen W\u00f6lfe, die sich zur n\u00e4chtlichen Jagd versammelten. Vielleicht war  unter ihnen auch ein Mann des Zaubers, der ein Fell sich \u00fcberwarf, um  mit ihnen, als einer von ihnen zur Jagd aufzubrechen. Wer wei\u00df?<br> <br> Nur wenige waren in solch einer Nacht unterwegs, in denen der Wind die  kalte Luft aus dem Westen brachte. In denen immer wieder feine  Regentropfen aus dem Himmel auf die Felder, W\u00e4lder und Wege herabfielen.  Und die wenigen, die durch ein unsch\u00f6nes Schicksal ins Freie getrieben  wurden, beeilten sich, schnellstens einen Unterschlupf zu erreichen:  einen Hof, auf dem sie von freundlichen Gastgebern ans Feuer gebeten  wurden, oder eine Scheune, in denen sie wenigstens etwas Ruhe finden  konnten vor Regen und K\u00e4lte.<br> <br> Auch der kleingewachsene Mann, der dem Wind entgegen die Stra\u00dfe  entlangwanderte, tat gro\u00dfe Schritte. Aber ihn lockte kein nahes oder  fernes Ziel. H\u00f6fe und D\u00f6rfer waren weit entfernt, als da\u00df er sie noch  vor der Mitte der Nacht erreichen konnte. Und niemand h\u00e4tte ihn  aufgenommen, denn er geh\u00f6rte zu denen, die vom Volke ausgesto\u00dfen waren.<br> <br> Sein Name war Rod, Roddy McDonughue, doch nur wenige kannten ihn bei  Namen, und die meisten von ihnen w\u00fcrden nie mehr von ihm sprechen  k\u00f6nnen. Denn das Leben auf der Stra\u00dfe war rauh, und ein strenger Winter  brachte vielen von denen, die ihm gleich waren, den Tod. Sein Leben, das  einsame Leben auf den Stra\u00dfen und Wegen, hatte er sich wahrlich nicht  ausgesucht.<br> <br> Schon als kleines Kind ha\u00dfte er die Wege, auf denen er mit seinem Vater  schritt \u2013 seine Mutter hatte er nie kennengelernt. Gestorben w\u00e4re sie  bei seiner Geburt, wurde ihm erz\u00e4hlt. Manchmal hatte er damals getr\u00e4umt  davon, da\u00df er in Wahrheit geraubt worden war durch seinen Vater, und da\u00df  er ein Prinz war, oder eines reichen H\u00e4ndlers Sohn. Doch als er \u00e4lter  wurde, verbla\u00dften die Tr\u00e4ume.<br> <br> Er ha\u00dfte die Wege und Stra\u00dfen, den Schmutz und das Elend, und sie ha\u00dften  ihn. Aber sie waren bestimmt f\u00fcr ihn, und er f\u00fcr sie. Gerne h\u00e4tte er  sich in einem der kleinen D\u00f6rfer angesiedelt, h\u00e4tte eine kleine H\u00fctte  gebaut oder wenigstens eine H\u00f6hle am Rande bezogen. Doch niemand wollte  ihn zum Nachbarn haben.<br> <br> Die Gedanken vergingen. Sein einziges Ziel war das Leben. Nichtsw\u00fcrdig,  nichts wert, und doch zu erhalten. Hart k\u00e4mpfte er gegen die K\u00e4lte, wie  h\u00e4ufig hatte er das getan \u2013 wann w\u00fcrde es sein Ende sein. Der mit den  scharfen Dolchen des Regens gespickte Wind brannte ihm entgegen, machte  seine Z\u00e4hne zittern. Seine kurzen Beine schmerzten, seine  plattgelaufenen F\u00fc\u00dfe brannten wie Feuer. Hatten sie auch diesen Tag zu  viele Meilen zur\u00fcckgelegt, viele Meilen auf einer Strecke, deren Ziel  nicht war.<br> <br> Dickfl\u00fcssige Tropfen rannen aus der Nase, \u00fcber den Mund entlang. Doch  der M\u00fche nicht wert, sie zu verwischen. Seine Kehle reizte, und rotes  Blut spie er auf die Stra\u00dfe, wie so h\u00e4ufig in letzter Zeit. Mochte  dieser Tag ihm den Tod bringen oder der n\u00e4chste, kommen w\u00fcrde der  Seelenw\u00e4chter. Ein schneller, gn\u00e4diger Tod, so hoffte er; doch auch  dieses mag einem Kupferstecher nicht verg\u00f6nnt sein.<br> <br> Seine Linie w\u00fcrde aussterben mit ihm. Kinder hatte er keine gezeugt, und  das war besser so. Der Fluch seiner Familie, der Fluch der Stra\u00dfe w\u00fcrde  mit ihm sterben. Schrecklich mochte das Ende seines Blutes sein, sein  Tod. Andere waren gestorben, mit dem Blut in der Kehle, dem Bersten der  Lungen gestorben. Bald w\u00fcrde er zu geschw\u00e4cht sein, um etwas E\u00dfbares zu  sich zu nehmen. \u00dcber Tage w\u00fcrde er im Graben der Stra\u00dfe liegen,  unbeachtet, wie immer. Bald \u2013 morgen, in einer Woche, in einem Mond,  einem Jahr? Bald.<br> <br> M\u00fchsam qu\u00e4lte er sich. Der Tod mochte sicher sein, doch der Mensch h\u00e4ngt  am Leben. Seine Augen schlossen sich, doch stetig und stolpernd fanden  die Beine ihren Weg. Wie lange er wanderte? Er wu\u00dfte es nicht.<br> <br> Im Gehen wirrten seine Gedanken. Sein Geist zeigte ihm Kinder, die ihn  bewarfen mit faulem Obst. Er sah M\u00e4nner, die ihn verspotteten. Warum  nur, warum? War es recht so? Manchmal glaubte er es. Wenn er einsam war.  Und er war fast immer einsam.<br> <br> Pl\u00f6tzlich \u00f6ffneten sich die Augen wieder. Seine Ohren hatten ein  Ger\u00e4usch geh\u00f6rt wie nie zuvor. Ein feuriges Schnauben. Das Schnauben  eines hei\u00dfbl\u00fctigen Pferdes, eines Pferdes, wie er noch nie ein Pferd  gesehen hatte. Er traute seinen Augen nicht. Sechs Fu\u00df hoch, wenn nicht  h\u00f6her, viel h\u00f6her. Ein gl\u00e4nzendes Fell, gl\u00e4nzend schwarz, nicht die  Schw\u00e4rze der Nacht, sondern eine edle Schw\u00e4rze, eine reine Schw\u00e4rze.  Kostbarer sah es aus als alles, was er gesehen hatte. Und noch viel  weniger Kostbares hatte man davongetragen, versteckt, wenn er gekommen  war! Selbst gew\u00f6hnliche Pferde hatte man nie in seine N\u00e4he gelassen,  vielleicht aus der Angst heraus, sein Elend und seine Krankheit w\u00fcrden  sich \u00fcbertragen auf das Tier. Nur Ackerg\u00e4ule von armen Bauern hatte er  je ber\u00fchrt, und diese waren beinahe so elend gewesen wie er selbst.<br> <br> Doch da war es, das Wesen wie aus einem Traum. Nur nicht zu laut sein.  Nicht verschrecken! Doch es schien weder Abscheu noch Furcht zu  empfinden, sie kam heran, sie kam zu ihm, die K\u00f6nigin der Pferde zum  Ausgesto\u00dfenen der Menschheit. Der Alte ber\u00fchrte das Pferd, seine Hand  fuhr durch das gl\u00e4nzende, schwarze, warme Fell, ein Fell wie gemacht aus  den Haaren der sch\u00f6nsten Frauen, seidig und wertvoll. Wertvoller als  die teuersten Stoffe aus den Landen tief im S\u00fcden und Osten, in denen  nur wenige M\u00e4nner Albas je gewesen waren. Doch Roddy hatte schon einmal  einen Mann des fremden Volkes gesehen, einen Weltenreisenden, wie er  selbst sich nannte. Dieser hatte keine Furcht und keine Abscheu besessen  vor dem Landstreicher. Seine Kleidung hatte gegl\u00e4nzt wie das Gewand  eines K\u00f6nigs, doch bei weitem nicht wie das Fell des Tieres vor dem  schwachen Licht des Mondes, der zaghaft hinter einer entfernten Wolke  hervorlugte.<br> <br> Temperamentvoll blies die Stude hei\u00dfen Dampf aus den N\u00fcstern. Sagte es  \u201eWorauf wartest du? Steig auf, la\u00df uns \u00fcber die Stra\u00dfe fliegen,  geschwinder als jeder Vogel, so schnell, da\u00df wir selbst den Mond  einholen und die Sonne erreichen k\u00f6nnen.\u201c ?<br> <br> Doch noch immer stand der kleine Mann vor dem so riesigen Tier,  ungl\u00e4ubig, sch\u00fcchtern gar. Er blickte in die gro\u00dfen, schwarzen Augen, so  undurchdringlich, da\u00df es seinen Blick doch abwenden mu\u00dfte.<br> <br> Da l\u00e4chelte das Tier, f\u00fcrwahr l\u00e4chelte es wie ein Mensch, freundlich tat  es die letzte Aufforderung. Der gewaltige, buschige Schweif wedelte,  wie man es von einem Hund erwartete, nicht von diesem Edelro\u00df. Wie ein  Hund, der freudig sein Herrchen begr\u00fc\u00dfte, mit gespitzten Ohren, wartend  auf ein Kommando. Auf einen Befehl des Landstreichers. Sollte er der  Herr \u00fcber ein Tier sein, da\u00df selbst die Tierwelt beherrschen mu\u00dfte?<br> <br> Endlich fa\u00dfte er den Beschlu\u00df, er trat an die Seite des Tieres \u2013 doch es  war riesig, wie ein Berg ragte es auf vor dem kleinen Menschen. Nie  w\u00fcrde er es besteigen, au\u00dfer &#8230; Da geschah das Wunder, er sa\u00df pl\u00f6tzlich  auf dem R\u00fccken des Tieres, als h\u00e4tte dieses ihm geholfen. Doch er  konnte nicht sagen, wie es geschehen war.<br> <br> Da sa\u00df er, ein Mann hoch zu Ro\u00df, nun mehr ein Herrscher denn ein  Bettler. Kein Herrscher eines noch so gro\u00dfen Clans k\u00f6nnte so ein Tier  besitzen. Er, der sich keine klapprige M\u00e4hre, nicht einmal einen alten,  fast zahnlosen Esel h\u00e4tte leisten k\u00f6nnen, er besa\u00df ein Tier, das einem  K\u00f6nig geb\u00fchrt h\u00e4tte \u2013 doch K\u00f6nige gab es im wilden Alba nicht mehr. Ein  Paar, wie es die Welt nicht gesehen hatte. Der Herrscher der Pferde trug  denjenigen, den selbst andere Hausierer verspotteten, dessen einziger  Besitz die armselige Kleidung war, die er am Leibe trug.<br> <br> Langsam verlor das Pferd seine Ruhe. Es trippelte wie einer der alten  Helden, wenn das Schlachtzeichen nicht gegeben war, trippelte auf der  Stelle, den Befehl abwartend. \u201eLa\u00df mich laufen. La\u00df mich rennen. La\u00df  mich galoppieren, wohin auch immer, der Freude und dem Stolz entgegen,  \u00fcber die H\u00fcgel und noch weit dar\u00fcber hinaus.<br> <br> Niemals war er je geritten, niemals hatte er \u00fcberhaupt gesessen auf  einem Tier, doch es war ein gro\u00dfer Zauber in der Stute: er wu\u00dfte, was er  tun sollte, er wu\u00dfte, wie man mit ihr umzugehen hatte. Sanft strich er  noch einmal \u00fcber die \u00fcppige M\u00e4hne, vertr\u00e4umt, wie in Trance, dann  schlie\u00dflich dr\u00fcckte er seine Hacken sanft an den K\u00f6rper des Tieres.<br> <br> Und das war das Zeichen! Sie begann zu laufen, sie lief, als h\u00e4tte sie  seit Unendlichkeiten nicht laufen d\u00fcrfen. Die Hufe trommelten auf dem  Boden, auf den matschigen Boden, doch flog sie so schnell \u00fcber diesen,  da\u00df kein Dreck an ihrem Fell h\u00e4tte kleben k\u00f6nnen. Schneller, schneller,  reite schneller! \u00dcberhole die Luft und das Leben, die Zeit und das Sein!  Ein schneller Vogel an einem sonnigen Tag h\u00e4tte nicht folgen k\u00f6nnen,  kein Pfeil, der gerade erst den Bogen verlassen hatte. Nicht einmal der  Regen ber\u00fchrte sie, denn noch schneller als die Tropfen war die Stute  aus reiner Sch\u00f6nheit.<br> <br> Der Wind heulte laut und noch lauter, doch sie waren schneller als  dieser, und er st\u00f6rte Ro\u00df und Reiter nicht. Die Grashalme am Wegesrand  zitterten, die B\u00e4ume neigten ihre K\u00f6pfe in stiller Ehrfurcht. Die  Dunkelheit war fast undurchdringlich, hatte der Mond sich doch wieder  verzogen, doch das Pferd sah auch das kleinste Hindernis, so, als h\u00e4tte  es die Augen einer Katze, die leuchtenden Augen.<br> <br> Hoch und nieder ging es auf dem R\u00fccken des Rosses, auf und ab, und doch  schien es dem alten Mann, als schwebte das Tier \u00fcber dem Weg. Er sp\u00fcrte  den Aufprall der Hufe nicht, er h\u00f6rte ihn nun nicht mehr wie anfangs. So  mochte sich der Held f\u00fchlen, der auf dem G\u00f6tterro\u00df dem Himmel  entgegenritt.<br> <br> \u201eHey, Hey\u201c schrie er, jauchzte er. Seine Herausforderung stie\u00df er dem  Wind entgegen, doch dieser wart feige und nahm diese nicht an. Immer  noch schneller wurden sie, als k\u00f6nnten sie das ganze Land in nur einem  Tag durchreiten, oder sogar noch schneller. Das schmutzige, fettige Haar  des Landstreichers wehte schon genauso wie die volle M\u00e4hne des Tieres,  zwei Fahnen gleich, die sie weithin ank\u00fcndigten, den Botschafter der  Freude auf dem Schlachtro\u00df der Geschwindigkeit.<br> <br> Sie jagten \u00fcber Stock und Stein, sie jagten schneller als der Adler.  Durch kleine W\u00e4lder, in denen m\u00e4chtige B\u00e4ume ihnen Platz machten, durch  kleine Senken ebenso wie \u00fcber die H\u00f6hen, immer in die Richtung, aus der  die Sonne nie scheint, auf die hohen Berge Albas zu.<br> <br> Noch immer jauchzte der Wanderer. Nie zuvor hatte er so eine Freude  empfunden, nie hatte sein Gesicht so freundlich geblickt. Er jubelte und  lachte f\u00fcr sich und nur f\u00fcr sich, und f\u00fcr das Pferd, seinen pr\u00e4chtigen  Schwarzen. \u201eJa, ja\u201c schrie er, \u201em\u00f6ge dieser Augenblick nie vergehen! Das  Leben eines Menschen ist m\u00fchsam und eines Tages mu\u00df es vergehen, doch  nun ist die Zeit zum Genie\u00dfen, endlich, nach vielen Jahren. Welt, du  bist doch sch\u00f6n!\u201c<br> <br> Schon begann in ihm jeglicher Sinn f\u00fcr Stunden, f\u00fcr die Welt, f\u00fcr alles zu verblassen&#8230;<br> <br> <br> Doch pl\u00f6tzlich kamen ihm andere Gedanken, etwas wunderte ihn. Es mu\u00dften  doch schon Stunden vergangen sein \u2013 oder doch nur Minuten? Sie hatten  eine lange Strecke hinter sich gebracht, er mu\u00dfte in einer Gegend sein,  die er noch nie besucht hatte, doch das Tier zeigte kein Zeichen von  Erm\u00fcdung. Jetzt flog es \u00fcber eine l\u00f6chrige Stra\u00dfe, einem Ziel zu,  welches Ziel des Pferdes war und nicht sein eigenes.<br> <br> Konnte man die Stute stoppen? Wie konnte man die Stute stoppen? Er zog  ihr sanft an der M\u00e4hne, doch sie galoppierte einfach weiter. Er klopfte  ihr an den Hals, doch hatte dieses keine Wirkung. Nicht einmal, als er  mit seinen schwachen F\u00e4usten versuchte, auf dem breiten R\u00fccken zu  trommeln, auf den langen Hals und schlie\u00dflich sogar auf das m\u00e4chtige  Haupt \u2013 die Stute war nicht zu irritieren auf seinem Weg, sie hielt  nicht an in ihrer Raserei.<br> <br> Angst stieg auf in ihm. War das Tier nicht der Natur entsprungen? Kein  Pferd konnte so sein wie dieses. Wie sollte er den breiten R\u00fccken  verlassen? Sollte er springen? Doch bei dieser Geschwindigkeit w\u00e4re sein  R\u00fcckgrat zersprungen bei dem Aufprall. Es blieb ihm nichts als die  Hoffnung, es w\u00fcrde irgendwann zum Stehen kommen.<br> <br> Nun n\u00e4herten sie sich einem gro\u00dfen See, an dem er nie gewesen war,  geschweige, da\u00df er davon je geh\u00f6rt h\u00e4tte. Noch nie hatte er derma\u00dfen  verkr\u00fcppelte B\u00e4ume gesehen, B\u00e4ume wie riesige Skelette, die an der Seite  des Sees standen. Niemals war Wasser so tr\u00fcb und schwarz und stinkend  gewesen. Der Mond wagte wieder einen schnellen Blick, doch spiegelte er  sich nicht in dem See, und so verschwand er sofort wieder, als w\u00e4re er  beleidigt und gekr\u00e4nkt. Dann jedoch kam er wieder, als w\u00fcrde ihn die  Szene interessieren, der Alte und die Stute auf dem Weg zum tiefen See.<br> <br> Tiere waren an diesem Wasser nicht zu erwarten, und in den letzten  Minuten hatte Roddy kein einziges geh\u00f6rt, nicht mal die n\u00e4chtlichen  J\u00e4ger, die zu dieser Stunde zu erwarten w\u00e4ren. Nicht einmal ein kleines  Insekt traute sich nahe diesem finsteren T\u00fcmpel.<br> <br> <br> Panik ergriff ihn! Sollte er springen? Alle Knochen w\u00fcrden bersten und  doch \u2013 ein schnelles Ende w\u00e4re es, ein rascher Tod. Keine b\u00f6sen  \u00dcberraschungen, keine Angst mehr.<br> <br> Doch er hielt sich auf dem R\u00fccken der Stute. Wovor sollte er den Angst  haben? Vor einem Tier, f\u00fcrwahr einem Tier, wie es wohl keines gab, doch  halt nur ein Tier \u2013 oder? Irgendwann mu\u00dfte dieses wilde Gesch\u00f6pf  stehenbleiben, mu\u00dfte grasen oder ruhen. Dann w\u00fcrde er absteigen k\u00f6nnen,  und ein Nachtlager suchen, irgendeinen Unterschlupf vielleicht in  irgendeinem Dornbusch, wenn es sein mu\u00dfte. Und dann: nie wieder ein  Reittier besteigen, weder den st\u00f6rrischen Esel eines Bauern noch das Ro\u00df  eines Edelmanns, falls einer ihm dieses anbieten w\u00fcrde (was jedoch sehr  unwahrscheinlich war). Einmal und nie wieder, einmal und kein weiteres  Mal. Reiten sollten doch andere, nicht er.<br> <br> Sie n\u00e4herten sich dem Dreckgew\u00e4sser, oder kam der See ihnen nahe?  Beinahe schien es, als w\u00fcrde er sie anziehen, Ro\u00df ebenso wie Reiter.  Jetzt stieg die Angst wieder, doch sofort beruhigte er sich. Das Tier  wollte trinken! Es w\u00fcrde halten, um sich zu st\u00e4rken. Warum es dieses  Brackwasser nahm, verwunderte ihn, doch sollte dies egal sein.  Hauptsache, er mochte sich endlich trennen von ihr, dieser Stute mit dem  Aussehen des Himmels und dem Temperament der H\u00f6lle. Hoffentlich hatte  er dann einmal Gl\u00fcck, er hoffte auf eine Quelle in der N\u00e4he, denn diese  Oase des Schlamms konnte noch nicht mal ihn locken. Er hatte schlechtes  Wasser getrunken, wenn es sein mu\u00dfte \u2013 doch noch nie solch schwarze  Br\u00fche.<br> <br> Doch was geschah nun? Das Pferd hielt nicht, es lief weiter!  Wassertropfen stoben auf, Wasserfont\u00e4nen unter den Tritten des Tieres,  als ob ein unterirdischer Vulkan ausgebrochen war und das Wasser \u00fcber  ihm Meter in die Luft aufscho\u00df. Wie von Tollwut und Raserei gepackt  raste die Stute in das schmutzige Wasser, als k\u00f6nne es nicht entscheiden  zwischen festen Boden und nassem Untergrund, als glaubte es, auch \u00fcber  den See laufen zu k\u00f6nnen \u2013 doch das Wasser bewies das Gegenteil.<br> <br> Langsamer wurde die Stute im Wasser, doch immer noch sehr schnell.  Schnell sogen sich die Lumpen, das Hemd und die Hose des Landstreichers,  mit dem Na\u00df voll. Am Bein des Landstreichers kribbelte es, doch das  ignorierte er, denn er machte sich zum Sprung bereit. Hoffentlich k\u00f6nnte  er das Wasser, das die Beine des Tieres schon zur H\u00e4lfte umh\u00fcllte,  \u00fcberhaupt verlassen. Niemals hatte er Schwimmen gelernt, immer hatte er  Wasser geha\u00dft, nie f\u00fcr etwas anderes gebraucht als zum Trinken \u2013 und  selbst das nur dann, wenn er nichts Besseres hatte finden k\u00f6nnen. Zu  seinem Leidwesen war dieses zu oft der Fall gewesen. Was w\u00fcrde er f\u00fcr  eine Flasche Whisky tun!<br> <br> Nun lie\u00df er sich fallen, er stie\u00df sich sogar ab mit den H\u00e4nden vom  R\u00fccken die Tieres, und die Luft hielt er an um kein Wasser zu atmen.  Schnell kam die Br\u00fche n\u00e4her, immer n\u00e4her, er machte sich bereit zum  Eintauchen \u2013 doch pl\u00f6tzlich blieb sein Kopf in der Luft hingen, sicher  nur wenige Finger \u00fcber der Wasseroberfl\u00e4che. Die Hufe des Pferdes  w\u00fchlten das Wasser auf, das stetig gegen sein Gesicht h\u00e4mmerte. Was  geschah? Was konnte geschehen sein? Wer hielt seine F\u00fc\u00dfe in der Luft,  wie in harten Ketten aus Eisen, die sich um seine Kn\u00f6chel wanden? Er  versuchte sich umzusehen, doch es war unm\u00f6glich, ohne jede Chance war er  im Kampf mit dem spritzenden Wasser.<br> <br> Roddy  versuchte, sich irgendwo festhalten zu k\u00f6nnen, und tats\u00e4chlich  konnte er die sich in die geschmeidigen Haare des Tieres krallen, die  Haare, die aber jetzt hart waren und an der Haut seiner H\u00e4nde rissen wie  Disteln oder anderes Unkraut. Mit seinem Wenig an Kraft zog er sich  wieder herauf, langsam aber stetig, mit viel M\u00fche und wenig Fortkommen.  Doch schlie\u00dflich schaffte er es gar zur\u00fcck auf den R\u00fccken des Pferdes.<br> <br> Doch was er nun erblickte, das machte ihn schauern wie er sein Lebtag  nicht geschauert hatte. Lange Str\u00e4nge wuchsen aus dem K\u00f6rper der Stute  heraus, ekelerregende Forts\u00e4tze, Tentakeln oder Ranken \u00e4hnlich. Selbst  aus dem Wasser lugten drei oder vier davon hervor, wanden sich heraus  aus dem Na\u00df, wurden l\u00e4nger und l\u00e4nger, kamen ihm entgegen.<br> <br> Einer der langen Ausw\u00fcchse legte sich um die Brust des schm\u00e4chtigen  Landstreichers. Zun\u00e4chst sanft wie die z\u00e4rtlichen Arme einer liebenden  Mutter, doch st\u00e4rker, immer st\u00e4rker dr\u00fcckte die Ranke, quetschte seinen  Brustkorb. Mit nur noch wenig seiner verbliebenen Kraft zehrte er daran,  und als dieses nicht half, senkte der Alte seinen Kopf und bi\u00df hinein.  Es war, als w\u00fcrde er in einen jungen Zweig hinein bei\u00dfen, doch mit  ekelhaftem Nachgeschmack und mit weitaus gr\u00f6\u00dferem Durchmesser, als junge  Zweige normalerweise haben. Kein Erfolg war ihm so beschienen, sein  unheimlicher Feind trotzte seinen Versuchen und Bem\u00fchungen.<br> <br> Keine \u00c4hnlichkeit waren da mehr mit dem Pferd, das er gefunden hatte.  Der Kopf hatte sich nun gewandelt zu einer schleimigen schwarzen Masse,  einer Masse, die jetzt den ganzen K\u00f6rper des Wesens zu bilden schien,  die selbst durch die nasse Kleidung noch kalt und ekelerregend zu sp\u00fcren  war. Aus allen Seiten dieser verfaulenden Kreatur kamen die langen  Forts\u00e4tze wie W\u00fcrmer aus dem K\u00f6rper eines verwesenden Tieres. Schon  packten weitere Ranken den sich windenden Landstreichers, da\u00df er seine  Beine keinen Deut mehr bewegen mochte.<br> <br> Doch wie durch ein Wunder, eine gl\u00fcckliche F\u00fcgung des Schicksals, waren  seine Arme und H\u00e4nde freigeblieben, w\u00e4hrend seine Brustknochen beinahe  barsten unter dem Druck des gr\u00f6\u00dften Fortsatzes, den das \u2013 Wesen \u2013 hatte.  Seine Befreiungsversuche, mehr durch eine sein Hirn wie ein Echo  durchfahrende Hoffnungslosigkeit als durch den irrsinnigen Schmerz  beinahe erlahmt, seine Befreiungsversuche fanden schlie\u00dflich neue  Nahrung, als, ja als seine linke Hand an das Messer stie\u00dfen, das alte,  das rostige Messer, beinahe so alt wie er selbst und in noch  schlechterem Zustand.<br> <br> Mit einem Funken, dann einem gro\u00dfen Leuchten neuer Hoffnung ri\u00df er das  Metall, nur durch den Rost noch zusammengehalten, aus der vergammelnden,  verfaulenden Scheide, kurz bevor ein weiterer Tentakel sich um seine  H\u00fcfte legte. Da brach das an den langen Forts\u00e4tzen verbliebene schwarze  Fell, und darunter kam das Gr\u00fcn einer Pflanze zum Vorschein. Nicht das  Gr\u00fcn von Rosenst\u00f6cken oder von Tulpenstengeln, sondern das dunkle,  unnat\u00fcrliche Gr\u00fcn einer Pflanze, die nicht nur verfault war, sondern  schon l\u00e4ngst h\u00e4tte Staub sein m\u00fcssen.<br> <br> Er umklammerte das Messer fest und unnachgiebig, dann stach er zu. Mit  der ganzen Wut und der gr\u00f6\u00dften Wucht, die er je hatte vollbringen  k\u00f6nnen, stie\u00df es in die gro\u00dfe Ranke, die ihn quetschte, die sogar sein  Herz zerdr\u00fccken wollte. Tief drang sie ein, die Klinge, so tief, da\u00df das  Wesen einen solchen Schmerz erfuhr, da\u00df es sich schon zur\u00fcckziehen  wollte von dem, der diese gro\u00dfe Pein bereitet hatte. Doch nur kurze  Dauer hatte dieses, und dann kamen die Ranken st\u00e4rker um ihn, als  wollten sie ihm ein noch schnelleres Ende bereiten, als h\u00e4tte sie das  Messer nicht verwundet, sondern nur die ma\u00dflose, irre Wut entfacht.<br> <br> Roddy ri\u00df das Messer heraus aus dem Tentakel \u2013 es brach nicht \u2013 er stie\u00df  es hinein, einmal, zweimal, ein drittes Mal sogar, gro\u00dfe Wunden ri\u00df die  Klinge, und jedesmal durchlief ein Zucken den unheimlichen Angreifer,  jedes Mal dauerte es einen winzigen Augenblick, ein Blinzeln, es schien  zu ermatten \u2013 doch jedesmal zog es noch st\u00e4rker zu, die Wut entfachte  sich zur Unendlichkeit.<br> <br> Da wandte sich das Gl\u00fcck ab, denn als der Mann das Messer zu ziehen  begann, da brach das metallene Gut, die Klinge steckte im Tentakel, nur  der Knauf war noch in seiner Hand. Ungl\u00e4ubig schaute er darauf, auf die  k\u00fcmmerlichen Reste einer schon k\u00fcmmerlichen Waffe. Er bemerkte kaum, da\u00df  das Wasser \u00fcber ihn kam, bemerkte wenig davon, da\u00df der monstr\u00f6se K\u00f6rper  zu sinken begann, auf den nahen und doch so weiten Grund des Sees hin.<br> <br> Noch immer hatte er seine H\u00e4nde frei, und verzweifelt, verzweifelt und  erfolglos machte er die Bewegungen eines Ertrinkenden, der sich noch zu  befreien versucht aus einem nassen Grab, ohne zu wissen, ohne die  Erfahrung des Schwimmens je gemacht zu haben. Nat\u00fcrlich schaffte er  nicht, seinen Kopf vom eisigen Na\u00df zu befreien, selbst seine H\u00e4nde  konnte er gerade eben zur Luft durchsto\u00dfen, doch H\u00e4nde k\u00f6nnen nicht  atmen. Selbst wenn er das Wasser h\u00e4tte verlassen d\u00fcrfen, die Luft h\u00e4tte  nie seine Lungen erreichen k\u00f6nnen, denn die Kreatur des Grauens schn\u00fcrte  seine Brust mit eiserner Klammer. Vor seinen geschlossenen Augen  zeigten sich Tausende und Abertausende von Sternen, die dort  explodierten, w\u00e4hrend sein Ohren ihm glauben machten, er w\u00fcrde es  Knacken h\u00f6ren, als w\u00fcrde er h\u00f6ren, wie seine Wirbel bersten.<br> <br> Wie eine bleierne Barriere trennte ihn das Wasser von der kostbaren  Luft. Seine Lippen verweigerten seine Befehle, sie \u00f6ffneten sich im  verzweifelten Versuch zu atmen \u2013 doch Wasser war es, nicht Luft, das in  seine Kehle eindrang. Dann kam auch dieses nicht mehr, denn eine  gr\u00e4\u00dflich gr\u00fcne Schlinge legte sich um seinen Hals, seine Luftr\u00f6hre  schlo\u00df sich, f\u00fcr immer zerquetscht, w\u00e4hrend das Licht vor seinen Augen  erlosch.<br> <br> Vier Tage sp\u00e4ter fanden sie in dem friedlichen blauen Weiher die  schrecklich zugerichtete Leiche eines kleinen, alten Manns. 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