Medizinmann

Er glaubte nicht, was er las, und doch wusste er, dass es so war.

Falscher Arzt aufgeflogen.
Immer wieder hörte Frank T. aus L. den Polizeifunk ab und rückte bei Einsätzen mit Verletzten als Notarzt an. Er erschien in grüner OP-Kleidung und behandelte die Verletzten. Im Prozess wurde er zu 1260 Euro Geldstrafe verurteilt.

Entsetzt liess er die Zeitung sinken. „Sie haben ihn noch nicht einmal eingesperrt“ murmelte er. „Noch nicht mal Bewährung. Sie lassen ihn einfach davonkommen.“

„Hmm?“ fragte die blonde, noch schlaftrunkene Frau, die ihm gegenüber am Frühstückstisch saß. „Wen haben sie nicht was?“

Er dachte nach. Er erinnerte sich. 16 Jahre war es her, und 16 war er damals gewesen. Seine erste Liebe. Es war der Sommer seines Lebens. Nie danach war er so glücklich. Doch bei Liebe weiss man nie: es gibt solche und solche. Es gibt Lieben, die leise doch stetig sind, und es gibt Lieben, die hoch und schnell brennen wie ein grosses Freudenfeuer, doch bald sind sie ausgebrannt. Ihr Liebe war so schnell vergangen, und danach gingen sie ihrer Weg

Zwischendurch hatten sie sich gesehen – das lies sich kaum vermeiden. Sie war in die Stadt gezogen, er lebte noch immer in ihrer beider Geburtsort, nur 20 Kilometer von der Stadt entfernt. Zweimal war ihre Liebe neu entfacht, doch nur für ein paar Tage, bis sie sich wieder überdrüssig waren.

„Er hat Tanja umgebracht.Und jetzt zahlt er gerade mal eine Geldstrafe. So wenig. Als ob sie nichts wert sei.“

Werner verließ das Haus mit schlechter Laune. Susanne machte sich Sorgen. Sie wusste von Tanjas Tod. Ein Unfall. Eine zu schnelle Fahrt. Tanja war immer in Eile. Sie arbeitete bei einer Consulting-Firma. Flog in ferne Städte, oder sogar in ferne Länder. Immer in Eile. Und die Eile hatte sie getötet. Beim Überholen eines Lastwagens stiess ihr Wagen mit einem anderen zusammen. Sie starb noch am selben Abend.

Es hatte Ungereimtheiten gegeben. Niemand kannte den Arzt, der als erstes beim Unfallort war. Erst später konnte man ihn ermitteln. Denn er war kein Arzt, nur ein Pfleger. Natürlich wurde er angeklagt. Jetzt war der Prozess vorbei.

Nun war es abend. Susanne machte sich noch mehr Sorgen. Werner war nicht zurückgekommen. Normalerweise kam er um sechs Uhr nach Hause, wollte Essen. Doch das Essen war mittlerweile kalt geworden. Sie nahm den Autoschlüssel.

In einer kalten, grauen Siedlung suchte Werner nach einem Klingelschild. Er fluchte. Das ganze Haus war verschmuddelt. Die Klingelschilder waren kaum zu entziffern, dafür aber zahlreich. Endlich fand er das richtige. Er klingelte.

Es dauerte einige Minuten, während der er zweimal klingelte. Danach liess er einfach seinen Finger auf der Klingel. Er wollte eine Reaktion. Da öffnete ein alter Mann die Tür. Werner sprach ihn mit dem Namen am Klingelschild an. Der Alte nickte. Da zog Werner die Pistole. „Wir gehen in ihre Wohnung.“ Der alte Mann erschrak nicht. Werner hatte alles erwartet: Angst, Wut, vielleicht einen Verteidigungsversuch… Doch der Alte wirkte, als würde es ihn gar nichts angehen. Er ging vor ihm die Treppe hoch, drei Stockwerke, und sie traten in seine kalte Wohnung. Nur einige Kerzen gaben Licht. Die Lampe an der Decke hatte keine Birne. Der alte Mann deutete auf einen der beiden Stühle am kleinen Tisch, und setzte sich auf den anderen.

Im Kerzenschein sah Werner, dass der Mann gar nicht so alt war. Vielleicht sogar jünger als er selbst. Doch er wirkte gebrochen. Beinahe leblos. Sein grau werdendes Haar war ungekämmt, er war unrasiert. Sein gebeugter Gang hatte Werner getäuscht. Werner wusste nicht, was er jetzt machen sollte. Es wäre so einfach gewesen, wenn der Mann ihn angegriffen hätte. Oder wenn er um Gnade gebeten hätte. Er hätte ihn niedergeschossen, er hätte Tanja gerächt. Doch so?

Beide schwiegen.

Das Zimmer war beinahe leer. Ein Wohnzimmerschrank, alt, mehr vom Staub als von Nägeln gehalten. Die beiden Stühle, der Tisch. Zwei Türen. Auf dem Tisch ein Glas, eine halbvolle Flasche. Und ein Bild. Eine hübsche Frau, vielleicht Anfang 30, auf keinen Fall älter. Der Mann bemerkte seinen Blick. „Magda. Mein Mäuschen. Ist gestorben bei Unfall.“ Er sprach nur gebrochen deutsch. Und er sprach sehr leise, als würde er für jedes der Worte Motivation brauchen.

Das erinnerte Werner wieder an Tanja und an den Grund, weswegen er hier war.

„Sie haben Tanja ermordet.“
Der Mann schüttelte langsam und traurig den Kopf: „Ich nur helfen.“
„Was ist das für eine Hilfe? Sie haben sich als Arzt ausgegeben, obwohl sie keiner sind.“
„Ich Arzt.“
„Sie sind nur ein Pfleger.“
„Ich Arzt.“ Plötzlich wirkte es, als würde Leben in ihn zurückfliessen. Er sprach lauter. „Ich Arzt damals in Heimat. Dann wir nach Deutschland. Magda wollte. Doch Deutsche sagen, ich nicht Ausbildung von Deutschland. Ich sagen: Gut, ich mache Ausbildung von Deutschland. Sie sagen: nein, studieren zu spät.“ Dann wurde er wieder langsamer und leiser. „Ich dann pflege alte Menschen.“

Er hielt inne. Werner sah ihn an. Unschlüssig. Der Mann bemerkte den Blick, und fuhr doch wieder fort. „Eines Tages wir Autofahren. Da ich unaufmerksam. Auto rutscht. Lastwagen da. Dann Leute da. Holen mich und Magda aus Auto. Ich gebrochen Arm. Magda nicht rühren. Sie aber nicht lassen mich zu Magda. Dauern lange bis kommen Arzt. Dann ich bewusstlos wieder. Als ich wieder wach, ich in Krankenhaus. Will sehen Magda. Doch Arzt sagen: später.“ Er hielt wieder inne. Werner glaubte, Tränen in seinen Augen zu sehen. Doch vielleicht täuschte das Licht. „Erst 2 Tage danach sie sagen, dass Magda gestorben. Ich weiss, dass Arzt war zu spät bei Unfall. Sonst sie noch gelebt.“

Werner bemerkte ein raues Gefühl in seiner Kehle, als er sprach: „Aber warum sind sie dann zu Tanjas Unfall gefahren? Warum?“

Der Mann wurde wieder leiser. „Ich lange gesessen zuhause. Konnte nicht arbeiten, wegen Arm. Dann ich gedacht. Magda nicht wollte, dass ich nichts tu. Sie immer gesagt, man muss helfen Menschen. Da ich gefasst Entschluss. Ich mir gekauft Funk und genommen grünen Kittel von Arzt, was war alt. Und dann ich Funk von Polizi gehört. Ist leicht. Und dann ich helfen.“

Er kam langsam in Fahrt. Werner wurde noch unbehaglicher zu Mute. Er rutschte auf dem Stuhl hin und her. „Ich nie wollte töten. Ich immer helfen. Ich Arzt. Doch ich nicht Wunder. Diese Frau war sterben. Ich alles versucht, bis deutsches Arzt kam. Doch alles umsonst.“

„Ich in Gefängnis, weil ich nicht Arzt in Deutschland. Doch deutsches Arzt gesagt, ich alles richtig gemacht. Er sagen, nur so sie gehabt Chance zu leben. Richter ihm glauben. Ich nur kleine Strafe weil so sein muss.“

Werner wollte ihm nicht glauben. Er wollte ihn anschreien, ihm sagen, dass er lügt. Doch konnte er nicht. Er musste sich etwas eingestehen: Er glaubte ihm.

Dann steckte er die Pistole ein. Der Mann holte ihm ein Glas, goss ihm ein. Sie tranken. Lange. Der Mann sprach von der alten Heimat, und er sprach vom verheissenen Deutschland. Werner schwieg. Und schämte sich.

Auf der Bundesstrasse standen zwei ineinander verkeilte Autos. Jemand rief den Notarzt. Doch er kam erst eine halbe Stunde später. Vielleicht hätte man Susanne vorher retten können.

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