Bahnfahrt

Der Zug rattert über die Schienen.

Mein Abteil ist nicht sehr voll. Mir am nächsten sitzt eine ältere Frau mit einem Buch. Es ist ein schmaler Band. Am Ende einer jeden Seite verharrt sie einen Moment. Wahrscheinlich sind es Gedichte. Auf der anderen Seite des Ganges sitzt ein breitschultriger Mann. Er mag vielleicht Anfang dreissig sein. Er trägt einen schlichten, sportlichen Pullover.Er starrt nur nach vorne, beachtet sie genausowenig wie sie ihn.

Hinter der Frau sitzt ein älteres Ehepaar. Sie schweigen und schauen sich nicht an. Vielleicht haben sie sich nichts mehr zu sagen. Der Mann hat angegraute Haare und einen leichten Schnäuzer. Er stützt sich mit dem Ellbogen am Fensterrahmen ab und hat die Backe an seine Faust gelegt. Er langweilt sich sichtlich. Die Frau neben ihm ist recht füllig. Ihr Haare sind blond, doch es wird sofort klar, dass sie eigentlich grau sind.

Schräg hinter den beiden an der Tür steht ein junger Mann, vielleicht ein Geschäftsmann. Er hat die Hand am Türöffner, obwohl der Bahnhof nicht in Sicht ist. Er scheint es eilig zu haben, sonst würde er nicht so dort stehen. Er trägt eine dezente graue Jacke und einen ordnungsgemässen Haarschnitt. Die Haarfarbe ist braun.

Er verdeckt ein wenig die Frau, die am Ende des Wagens sitzt. Auch sie starrt ausdruckslos einfach nach vorne. Ein wenig ähnelt sie der Ehefrau weiter vorne, jedoch sind ihre Haare länger und rötlich gefärbt. Auch sie trägt ein gleichsam ärmel- wie geschmackloses Kleid. Jedoch ist das Kleid dunkler als das bei der Frau vorne, und ohne weisse Punkte darauf.

Ebenfalls am Ende des Wagens, jedoch auf der anderen Gangseite sitzen sich zwei junge Menschen schräg gegenüber. Von dem Mädchen kann ich nur die etwas über die Schulter reichenden Haare sehen. Sie ist brünett. Darunter ist ein aussageloser, blauer Pullover zu sehen. Der Junge, dessen braunen Haare einen Ausbruchsversuch in alle Richtungen unternehmen, als hätten sie nicht einen Kamm oder eine Bürste kennengelernt, ist der einzige, der jemanden anschaut. Nämlich das Mädchen. Jedoch reden sie beide nicht miteinander.

Der Zug rattert über die Schienen.
Die Frau mit dem Buch hat schon mehrfach umgeblättert. Sie ist weiterhin wie gebannt von ihren Gedichten.
Der muskulöse Mann guckt weiter gerade aus, in die Nähe oder in die Ferne. Vielleicht denkt er daran, wie er den Abend mit Freunden verbringen soll. Oder im Fitnesscenter. Vielleicht ist das für ihn das gleiche.
Das Ehepaar langweilt sich weiter. Vielleicht steht ihnen zuhause ein weiterer langer Abend bevor, beendet mit den Tagesthemen. Vielleicht sind sie zwei Leute, die sich nicht mehr viel zu sagen haben.
Der Geschäftsmann steht weiter an der Tür. Kommt er zu spät zu einem geschäftlichen Termin? Oder zu einer höchst amüsanten Verabredung?
Die Frau am hinteren Ende schaut in Richtung des Geschäftsmanns. Doch sie schaut durch ihn hindurch.
Der Junge starrt weiter das Mädchen an. Wird er es jemals ansprechen?

Es wird dunkel. Kurz darauf wird es wieder hell.

Der Zug rattert über die Schienen.

Das Buch wird und wird nicht kürzer. Die Frau liest weiter.
Der Blick des Bodybuilders bleibt starr. Der entscheidende Gedanke scheint noch nicht gekommen zu sein.
Das Ehepaar sitzt zusammen, doch im Geiste scheinen sie nicht im gleichen Zug zu sein.
Der Bahnsteig kommt nicht näher. Der Geschäftsmann wartet weiter.
Der Junge starrt weiter auf das Mädchen. Warum spricht sie ihn nicht selber an.
Die Frau auf dem Platz an der anderen Gangseite merkt nichts.

Der Zug rattert über die Schienen.

Mein Abteil ist nicht sehr voll. Mir am nächsten sitzt noch immer eine ältere Frau. Auf der anderen Seite des Ganges sitzt noch immer ein breitschultriger Mann. Hinter der Frau sitzt weiterhin ein älteres schweigendes Ehepaar. Schräg hinter den beiden an der Tür steht weiterhin ein junger Geschäftsmann. Er verdeckt eine ausdruckslose Frau am Ende des Wagens. Ein Mädchen und ein Junge sitzen immer noch schräg gegenüber auf der anderen Seite des Ganges.

Bis jetzt kein Wort.

Es wird dunkel. Kurz darauf wird es wieder hell.

Der Zug rattert über die Schienen. Niemand bemerkt den Tod.

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