Sehet

Der Tag ist schön.
Die Kirmes lockt.
Von überall her strömen die Leute.
Die Frauen, die Männer, die Kinder.
Sie steigen ins Karussell.
Sie schwindeln, doch sie freuen sich.
Sie fahren durch die Geisterbahn.
Sie gruseln sich, doch sie mögen es.
Sie essen Zuckerwatte.
Ihnen wird schlecht,
doch sie essen noch mehr.

Doch heute ist niemand unglücklich.
Seht die strahlenden Augen der Kinder.
Seht die Kindheitserinnerungen der Eltern.
Die Kirmes bringt Freude.
Die Kirmes bringt Spaß.

Er steht auf der Straße.
Sein Ziel liegt gegenüber.
Seine Mutter ist dort.
Sein Vater nicht.
Sein Vater ist im Krieg.
Er wird ihn dieses Jahr nicht wiedersehen.
Wird er ihn wiedersehen?

Die Straße ist nicht breit.
Sie ist naß.
Es sind keine Menschen auf ihr.
Nur wenige schauen.
Niemand scheint
sich für ihn zu interessieren.
Warum sollten Sie?

Ihr Alltag ist trist.
Ihr Leben ist trist.
Sie haben nicht viel zu verlieren.
Sie haben nichts zu gewinnen.
Doch Sie leben.

Er faßt Mut.
Er nimmt den Mut zusammen.
Er greift nach ihm, erhascht,
als einziger der Hiesigen.
Er rennt.
Er sieht den Kellereingang.
Er weiß, daß seine Mutter darin ist.
Er weiß, daß er die Straße bald überquert hat.

Er weiß nichts mehr.

Sehet die erste Kerze brennt.


Wohin werden sie fahren?
Österreich lockt.
Wollen sie Skifahren?
Malediven?
Eine andere Wahl.
Nein, sie wollen Schnee.
Sie werden ihren Spaß haben.
In Österreich.
Auf Skiern.
Beim Schlittschuhlauf.
Sie freuen sich.
Zurecht.

Die Ärzte schütteln den Kopf.
Die Mutter weint.
Er atmet schwach.
Er atmet unregelmäßig.
Das Blut aus der Flasche rinnt.
Bald ist es verbraucht.
Gibt es noch eine Flasche?
Wird es helfen?
Die Ärzte schütteln den Kopf.
Die Mutter weint.

Sehet die zweite Kerze brennt.


Der Himmel ist beinahe dunkel, denn es ist spät.
Doch helle Lichterbögen spannen sich zwischen den Häusern.
Gerade das richtige Licht für einen solchen Tag.
Die Schaufenster sind erleuchtet.
Puppen lächeln den kleinen Mädchen zu.
Eisenbahnen fahren, kleine Jungen staunen.
Computer zeigen viele Bilder.
Große Jungen hoffen.
Die Schaufensterpuppen zeigen nur das Schönste.
Große Mädchen warten.
Krawatten hängen über einer glitzernden Stange.
Männer wissen.
Schmuck glitzert.
Frauen lächeln.

Die Freude steigt.

Die Ärzte schütteln den Kopf.
Die Mutter weint.
Die Atmung setzt aus.
Das Blut aus der Flasche rinnt nicht mehr.
Es gibt keine Flaschen mehr.
Die Frau hungert.
Doch dies ist ihr egal.
Sie weint.
Die Ärzte schütteln den Kopf.
Sie weint.
Die Atmung setzt wieder ein.

Sehet die dritte Kerze brennt.

Kälte überall.
Eis auf den Straßen.
Beulen an den Autos.
Hetzen durch die Gassen.
Hetzen durch die großen Häuser.
Geschenke werden verpackt.
Mit grünem oder blauem Papier?
Mit rotem oder goldenen Band?
Kassen klingeln.
Geld klimpert.
Kassen schließen sich.
Und öffnen sich wieder.
Grüne Scheine verschwinden aus den Taschen.
Kassen schließen sich.
Leute verlassen die großen Häuser.
Hetzen durch die Gassen.
Eis auf den Straßen.
Leute fluchen.

Die Atmung ist regelmäßig.
Die Ärzte staunen.
Die Mutter hofft.

Sehet die vierte Kerze brennt.


Hilf mir mit dem Baum.
Wo ist der Schmuck für den Baum?
Gib doch acht, er fällt sonst um!
Geht nach oben und wartet!
Was riecht hier so?
Warum hast du gerade heute das Essen anbrennen lassen?
Kannst du nie etwas richtig machen?
Wo sind die Geschenke?
Dann hol sie her!
Klingele mit der Glocke!

Ich wollte aber eine andere!
Ich wollte aber eine andere!
Ich wollte aber einen anderen!
Das ist das falsche!
Ich wollte noch nie Krawatten!
Warum nicht?

PASS AUF!

Kerzen brennen.
Der Baum brennt.


Die Atmung ist regelmäßig.
Das Herz schlägt kräftig.
Die Mutter hofft.
Die Ärzte hoffen.
Die Mutter hofft.
Sie hält die Hand.
Ihre ist kalt.
Seine ist kälter.
Sie wird wärmer.
Die Mutter hofft.

Die Augen öffnen sich.


Frohe Weihnachten.

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