Mein Stinkefinger

Ich möchte zu Anfang und hiermit bekanntgeben, dass ich keinen Stinkefinger gezeigt habe, keine Stinkefinger zeige und keinen Stinkefinger zeigen werde, weder Deutschland noch Griechenland. Ich bin aber bereit, den Stinkefinger zu zeigen, wenn man mich dafür bezahlt. Kontoverbindung folgt, falls ich durch SEPA durchblicke.
Jetzt aber ehrlich: momentan spielen Presse und Politik das Spiel „Böser/Guter Deutscher, Guter/Böser Grieche“. Je nachdem, in welchem Land man sich befindet. Die Griechen wollen jetzt Reparationszahlungen und viele Deutsche sagen: nein, mein Geld kriegen die nicht. Jetzt die gute Nachricht: das haben die schon. Also nicht wirklich. Es haben die Banken. Die sind an unseren Griechenlandhilfen wieder gesundet. Griechenland nicht. Mich beschleicht das Gefühl, dass es gar nicht mehr ums Geld geht. Vielleicht ist das alles ein abgekaspertes Spiel.  Erst mussten unsere Stackholder von den Politikern befriedigt werden, und jetzt versucht man Gründe aufzubauen, warum sich Europa und Griechenland scheiden lassen. Europa wächst wieder zusammen: alle hassen alle. Toll.
Prinzipiell ist übrigens nichts gegen Reparationszahlungen zu sagen. Mein Nachbar freut sich beispielsweise. Der ist Perser. Alexander der Große ist einem Vorfahren von ihm durch den Schrebergarten getrampelt. Da wird der auch noch was von den Griechen fordern, wenn die was von uns kriegen.
Ich halte mich hingegen an Frankreich: die haben uns Hugenotten damals rausgeschmissen. Ein bisschen doof fühl ich mich dabei. Ich bin ja noch nie in meinem Leben Protestant gewesen. Aber Abstammung ist Abstammung.
Immerhin: die neue griechische Regierung ist unterhaltsamer als die alte. Und Tsipras sieht auch aus wie eine Mischung aus George Clooney und Antonio Banderas. Ocean 11 und Zorro. Der versucht gerade für die griechische Freiheitsbewegung den Tresor der EZB auszuräumen. Freunde von mir, die zufällig Wrestling-Fans sind, haben allerdings die Storyline zwischen Tsipras und Schäuble wiedererkannt, die lief schon in den frühen 90ern im Profi-Catchen in Tele 5.
Meinen griechische Freunde wundern sich übrigens, wenn  Schäuble sagt: „Jetzt kann man keinem griechischen Politiker mehr trauen.“ Ich suche noch einen Griechen, der das je getan hat. Das ist ungefähr so schwierig wie Schrödingers Katze bei Amazon zu  bestellen.
Ich bin für Reparationszahlungen. Wenn jemand eine Schneise der Verwüstung hinterlässt, Leuten Geld abpresst, sie mit schrecklichen Methoden unterdrückt, erpresst und tötet, der soll ruhig dafür zahlen. Nur: ob jetzt die ganzen Banken und Großkonzerne wirklich zahlen werden für ihre Verbrechen: das glaube ich nicht. Schlechtes Beispiel? Das stimmt. Die Verbrechen der Nazis sind grausam und werden hoffentlich in Tat und Ausmaß nie wieder begangen werden. Aber für jemanden, der an den Folgeschäden des unter ekelerregenden Bedingungen stattfindenden Uranabbaus für Waffenmunition stirbt – oder vielleicht an dem hergestellten Produkt-, damit letzten Endes die Deutsche Bank ihren Aktienbesitzern 1 Cent mehr ausbezahlen kann, der wird da auch Schwierigkeiten haben in der Unterscheidung.
Oder ein anderes schönes Beispiel: der Chef von Nestle findet es schon extrem, dass Menschen ein Recht auf Wasser haben sollten. Ich denke das ist eine vertretbare Ansicht. Dann könnte man auch gleich einen Schritt weitergehen und fragen, ob Menschen ein Recht auf Leben brauchen. Und warum Islamisten irgendwelche Karikaturisten umbringen, statt Leute, die wirklich Schaden anrichten. Man müsste eigentlich nur dem Nestle-Chef eine Woche das Recht auf Wasser verweigern, dann hätte sich wieder ein Problem erledigt.
Die Deutsche Bank erwägt nun, ihr Privatkundengeschäft wieder einmal zu verkaufen. Der Satz „Wir haben eingesehen, dass wir von Privatkunden überhaupt keine Ahnung haben, wir wollen einfach wieder zocken gehen“ fiel übrigens nicht. Genauso wenig wie die Deutsche Bank sagte: „einfache Leute sind uns scheißegal.“ Das sagt man nicht. Das denkt man nur.
Das organisierte Verbrechen hat jetzt übrigens Schlägertrupps, die uniformiert rumlaufen. Das habe ich am letzten Mittwoch in Frankfurt bei Blockupy gesehen. Die trugen alle so komische Uniformen, die mich verdächtig an Polizeiausstattung erinnerte.
Aber was ist eigentlich passiert? Blockupy hat aufgerufen, gegen die Finanzpolitik und vor allem die EZB zu protestieren. Frühmorgens zerstörten einige Linke freundlich Polizeiautos, Müllcontainer und Fensterscheiben. Es waren ganz klar Linke, anders kann es nicht gewesen sein. Man hat sich jetzt nicht gefasst, aber es können nur Linke gewesen sein.  Wobei: Linke? Zwischen 6 und 7 Uhr morgens? Vermutlich Studenten? Wer ist denn so bekifft, sich das auszudenken. Obwohl: vielleicht haben die durchgemacht.
Währenddessen errichteten über 1000 Demonstranten mit Hilfe von NATO-Draht und Wasserwerfern eine im öffentlichen Raum mit dem Grundrecht wohl schwer vereinbare Blockade. Ach nee, das war die Polizei um die EZB herum. Das war schon in Ordnung.
Im großen Prachtbau der EZB verkündigte Manuel Draghi – man stellt sich das dann gerne mit Sekt und Kaviar vor – in seinem Palast, die EZB sei ja gar nicht das Problem. Sie wären ja die Guten. Die EZB tut ja gar nichts. Die will ja nur spielen. Ach nee, Moment, das sind die anderen Banken. Die EZB hingegen will ja nur kontrollieren. Die EZB sind die Kontrolleure der Spiel-Banken.
Stellvertretend stand er dabei für eine Politik und eine Reichen- und Bankenszene, die nicht den Kontakt nach unten verloren hat. Sie hatte diesen Kontakt niemals.
Die bösen Griechen verprassen unser Geld?
Der Neubau der EZB kostete 1,4 Milliarden. 1,4 Milliarden für einen Prunkbau, bei dem die Fenster so aussehen, als hätten sie Mario Draghis Enkel in der Krabbelgruppe entworfen. Das dann für einen Haufen Fahrkartenkontrolleure im Nadelstreifenanzug. Nicht erschrecken: bei der Bahn kosten die Arbeitsstätten auch nicht wenig. So ein Zug hat seinen Preis. Aber der bewegt sich wenigstens. Wenn sich die EZB jetzt auch bewegen könnte. Meinetwegen nach Brüssel, nach London oder in die Hölle…
Ach so: ich möchte übrigens nichts gegen die Polizisten bei der Blockupy-Schlacht sagen. Die machen nämlich größtenteils ihren Job so gut, wie es geht. Die tun mir einfach nur leid, wenn sie Überstunden machen und gegen Wirrköpfe kämpfen müssen, nur damit die Champagner-Elite ein kleines Feierchen abhalten kann.
Und ich möchte auch nicht diejenigen verteidigen, die Feuerwehrautos oder Mülltonnen anzünden und Fensterscheiben von Unbeteiligten einschmeißen. Das sind einfach hirnlose Idioten.
Die Demonstranten aber, die nicht auf Zerstörungstour waren, verdienen aber in meinen Augen Respekt. Obwohl sie wissen, dass sie mit den Gewalttätern in einen Topf geworfen werden, obwohl sie wissen, dass viele sie verachten, die eigentlich auf der gleichen Seite stehen könnten.
In Bremen soll der Fußballverein Werder für Polizeieinsätze bezahlen. Wie ist es eigentlich in Frankfurt? Zahlt die EZB? Nein, natürlich nicht. Beides, der Einsatz und der Champagner, werden übrigens von unserem Geld bezahlt. Genauso wie die Beseitigung der Schäden. Wobei da viele selbst zahlen dürfen für ihren ungewollten Logenplatz.
P.S. und vollkommen ab davon: Ich frage mich, ob Pratchett in 100 Jahren als einer der größten Philosophen der Menschheit gelten wird. Verdient hätte er es.

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