XCard

Wichtige Erkenntnis: Ich unterschätze die XCard.

Für alle, die sie nicht kennen: Die X-Card ist ein Sicherheitswerkzeug im Pen-&-Paper-Rollenspiel, mit dem Spielende jederzeit signalisieren können, dass ein Inhalt unangenehm oder belastend ist. Wird die X-Card genutzt, wird die Szene angepasst, übersprungen oder geändert. Und zwar ohne Diskussion (nicht zu verwechseln mit „nicht reden“ – natürlich muss man miteinander reden, wie man die Szene anpassen kann, sonst trifft man das Problem nicht)

Ich habe Silvester bei mindestens einem meiner Spiele gesagt, dass ich die noch nicht benutzt habe. Das ist ein Fehler, denn das wertet sie ab. Viel sinnvoller wäre zu sagen, wo ich sie gebraucht hätte.

Ich habe drei Beispiele.

Zunächst mal: alle Szenarios waren IMHO valide, teilweise fand ich sie sogar sehr gut. Aber: ein sehr gutes Szenario hilft nicht, wenn die Konstellation nicht passt oder man eine empfindliche Stelle trifft.

Triggerwarnungen wären theoretisch nützlich – aber ich weiß nicht, ob ich als Spielleiter überhaupt den jeweiligen Trigger gesehen hätte bzw. ob die Beschreibung (meist ja in einem Wort) ausreichend gewesen wäre, um die Spieler vorzubereiten.

Erstens: auf einer Convention. Da gab es in einer Runde eine unschöne Darstellung eines Afrikaners (da war im Szenario sogar noch ein guter Clou hinter), mit der jemand Probleme hatte, weil ihre Schwägerin Afrikanerin ist. Es gab dann eine Diskussion, die eigentlich wertschätzend war, wo aber beide Seiten Schwierigkeiten hatten.

Meiner Ansicht nach hätte die X-Card folgendes gebracht:

1. Die Diskussion wäre kürzer und zielgerichteter gewesen.

2. Es hätte sich „normaler“ und positiver angefühlt. Ohne XCard war es ein Dämpfer für das Spiel und unangenehm für die Spieler, auch mich. (Genauer: auf emotionaler Ebene war es ein Downer, auf Verstandesebene bin ich sehr froh, dass ein Spieler/eine Spielerin etwas meldet – gerade bei einer Convention)

Mit XCard wäre es IMHO eher als Erfolg bewertet worden: „wir haben hier gerade ein Problem gehabt, und wir haben es souverän und schnell gelöst.“

Zweitens: ich habe ein Szenario mit einem düsteren Ende geleitet. Ich habe da gemerkt, dass das einen Spieler sehr stark berührt hat. Allerdings war mir nicht klar, wie sehr negativ – Emotionen zu empfinden ist ja nicht generell negativ. Mit der XCard wäre das viel einfacher gewesen, weil ich die Rückmeldung gehabt hätte.

Drittens: bei Fallout-Spiel hatte ein Spieler ein Problem mit dem (vom vorgegebenen Hintergrund kommenden) Spiel von zwei anderen gegen seinen Charakter. Er hat den Tisch verlassen (offiziell weil es ihm nicht gut ging), kehrte aber nach einer (geplanten) Spielpause zurück. In der Pause habe ich dann von dem Problem erfahren. Ich habe dann den alten Fehler gemacht, das Intime lösen zu wollen, indem ich seinen Charakter unterstützte. Funktionierte nicht. Mit der XCard auf dem Tisch hätte ich versucht, das kurz outtime zu lösen. Es wäre auch gar nicht so einschneidend für das Spiel gewesen – man hätte einfach nur das „wir mögen die Fraktion, der der Charakter angehört“ weglassen müssen, das ja gar nicht so wichtig war für das Szenario.

In allen drei Fällen hätte ich übrigens etwas besser machen können, auch ohne XCard:

1. Ich hätte glaube ich helfen können, die Diskussion etwas in Bahnen zu führen.

2. Ich hätte den Spieler einfach fragen können.

3. Ich hätte den beiden Spielern mit den „mobbenden“ Charakteren Bescheid geben können, wir hätten kurz drüber geredet und dann wäre das IMHO auch kein Problem gewesen.

Das ist mir aber jeweils erst nachher klar geworden. Die XCard hätte mich aber daran erinnern können. Ob das tatsächlich passiert wäre, weiß ich gar nicht – aber die Chance wäre da gewesen.

Fazit: ich unterschätze die XCard – und sie würde mir sehr helfen. Sie ist keine Magie, die das Problem löst, aber eine Erinnerung dafür, dass man das Problem lösen kann. Und das es vollkommen okay und richtig ist, das Spiel dafür zu unterbrechen.