Mittellande-Treffen 2001: der Bericht

Einmal im Jahr treffen sich in einer Jugendherberge Deutschlands diejenigen, die sich für die wichtigsten Live-Rollenspieler halten. Das ist den anderen Live-Rollenspielern egal. Eigentlich sind sie sogar glücklich, denn dadurch sind sie die wichtigsten Live-Rollenspieler mal für ein Wochenende los.

Was passiert auf diesen Sitzungen?

Nun, am Freitag abend trifft man sich.  Das ist sehr schön, schließlich sieht man sich ja ein Jahr lang nicht. Mal abgesehen davon, daß man die meisten gerne ein Jahr lang nicht sieht. Treffen würde man sie gerne. Aber die Waffe ist fraglich.

Na gut, manche trifft man dann auch tatsächlich gerne. Zum Beispiel sich selber. Wie jeden Morgen vor dem Spiegel. Beim Posieren.

Auch am Freitag abend tagt der Mittellande-Verein. Wir wissen ja: wenn zwei Deutsche sich treffen, gründen sie gleich einen Verein. Gilt auch für LARPer. Für LARPer gilt aber die Zusatzregel: …wenn sie mal Zeit dazu haben. LARPer haben nie Zeit. Deswegen gibt es den Verein auch erst seit 2001, obwohl die Mittellande schon seit 1995 existieren. Na ja, 2001 – Odyssee im LARPRaum. Aber jetzt haben die Mittellande ihn endlich: den Verein. Wie schon Loriot sagte: „ein Verein, Vati, ein Verein“. Ach nein, da war es noch ein Klavier. Aber die Klaviatur des Vereins wird ja auch schon meisterlich beherrscht.

Das besondere Merkmal der Vereinssitzungen ist das Fluchtverhalten. Ein Beispiel für die ersten 5 Minuten:
1. Teilnehmer geht raus. 1. geht wieder rein. 2.und 3. gehen raus. 2. kommt wieder rein. 4. geht raus. 3. kommt wieder rein. Das sind dann 4 Ab- und 3 Zugänge in 5 Minuten. Das muß aber nicht verblüffen, schließlich war der Verein ja vorher eine IG: InkontinenzGesellschaft.

Vereinssitzungen sind immer wieder Ort für besondere Aussagen. Beispiele gefällig?
Es werden nie mehr als 20 DM Mitgliedsbeitrag erhoben.
Ja, genau. Auch Helmut der Erste, ein berühmter Sonnenkanzler, sagte: Die Steuern steigen nicht.

Wir sind nicht in der Oper. Es muß nicht geklatscht werden.
Wir wissen natürlich alle, daß in der Oper immer Leute mit Kalaschnikow dastehen und alle zum Klatschen zwingen.

Am Samstag beginnt dann das große Ereignis: das IG-Treffen. IG heißt tatsächlich InteressenGemeinschaft. Damit wird betont, daß man ein gemeinsames Interesse hat. Bisher hat noch keiner rausgefunden, was es ist. Es hat halt keiner Interesse daran, herauszufinden, welches Interesse denn vorliegt.

Immer schön ist übrigens die Anmeldemoral. Mit einer Regelmäßigkeit ohne Beispiel wird vor den Sitzungen bekanntgegeben: „Wer sich nicht rechtzeitig anmeldet und nicht rechtzeitig bezahlt, wird wieder nach Hause geschickt.“ Die NachHause geschickten sieht man dann später in einem Jugendherbergsbett und auch in der Sitzung, nachdem sie dann vor Ort bezahlt haben. Neuerdings wird die Härte an die Versammlung abgegeben. Diese zeigt sich dann auch vollkommen im Bilde. Wenn die Zuspätanmelder Spüldienst machen, dürfen sie bleiben. Demokratie geht durch den Magen.

Dann wird festgestellt, ob auch alle da sind. Das ist nicht zu einfach, da immer wieder Leute den Raum verlassen, betreten oder innerhalb des Raums den Zustand von Schrödingers Katze annehmen. Nichts genaues weiß man.

Dann geht es um die Vorstellung der alten Länder. Das ist eine einfache Sache: man steht auf, sagt seinen Namen, den des Landes und noch einen coolen Spruch. „Ich bin Dings, das ist Bums, wir sind hier für Lummerland, und wir mögen Schafe nur scharf.“ Gut, cool war das nicht. Aber das ist egal. Hauptsache, man ist auch mal dran. Nun dauert das aber für 60 anwesende Altreiche 10 Minuten. Das ist zu lang. Schließlich fehlt die Zeit dann bei den nächsten Punkten. Deswegen wird von 10.34-10.45 darüber abgestimmt, ob die Vorstellung nicht entfallen sollte.

Nachdem einige unwichtige Punkte abgehandelt wurden, trennt sich die Versammlung in zwei Gruppen. Das Teilen ist so üblich. Bei Bakterien.
Bleiben wir zunächst bei der ersten Gruppe.
Die beschäftigt sich mit Kriegszügen alter Reiche. Einerseits die Veränderungen bei Kriegen zwischen den Ländern. Die werden meistens nicht ausgespielt, alle sind unzufrieden, und dann bleibt es beim alten Stand. Interessanter ist aber die Ausdehnung in weiße Flecken, also Gegenden, in denen noch kein Land eingetragen ist. Das ist Tradition, das gibt es seit dem 2. Treffen. Und es ist einfacher. Man hat ja keinen Gegner. Und es belastet das Spiel nicht. Eigentlich hat es noch nicht mal mit dem Spiel zu tun. Aber es hat ungefähr das Verhalten einer Schimmelkultur: wenn man es nicht stoppt, verbreitet es sich immer weiter.

Was hat Gruppe 2 mittlerweile gemacht? Über die Öffentlichkeitsarbeit der Kampagne gesprochen. Ja, welche eigentlich? Aber es war ergiebig: es gibt einen neuen Ausschuß. Das Wort ist ja gar nicht schlecht gewählt …

Dann gibt es Mittagessen. Zeit, um sich über wichtige Dinge auszutauschen. Beispielsweise über das schlechte Essen. Das ist ja auch zu wenig. Und die Betten. Jugendherbergen haben ja kein Niveau. Wie wäre es denn, stattdessen einfach ein Tagungshotel zu nehmen? Gut, da kann man kein Essen nachnehmen wie hier. Ach so, schon die jetzigen 100 DM Ausgaben sind zuviel.

Mittagspause ist von 12 bis 13 Uhr. Pünktlich um 13.43 beginnen beide Gruppen wieder ihre Sitzungen.

Gruppe 2 versucht, über Gott und die Welt zu reden. Nur nicht über Realgötter und Realwelten, das ist verpönt.
Es werden geniale Vorschläge gemacht:
„Wir können auch ein LARP-Big Brother machen.“ Gehst Du freiwillig in den Container?
„… ein Computerspiel, in dem Allerland die Mittellande erobert…“ Und wer ist da der Gegner?
„Der Messestand fällt auch nicht vom Himmel!“ Ist auch besser so.Aber vielleicht wäre es ein spielförderndes Element.

Schnell wieder in Gruppe 1. Vorstellung der neuen Reiche.
Hiermit möchte ich mein neues Land Nasanien vorstellen. Es ist 1000*1000qkm groß, und genauso hoch. Da wohnen 7500423 Einwohner und 12423101 Schafe. 12 sind schwarz. Die Bevölkerung? Hauptsächlich Menschen. In den Bergwerken auch Elfen (da gehören die ja auch hin). In den Wäldern auch Elfen. Und Eichhörnchen. Gesprengt leben da auch noch Zwerge und Dinosaurier. Schriftliche Ausarbeitung? Bin noch nicht dazu gekommen. Spielerzahl? 200. Na gut, momentan ist es noch 1, aber es wird mehr.

Lieber wieder Gruppe 2.
„Was erwarte ich von einem LARPer? Die sind ja eigentlich ganz normal. Ach nein, die können sich ja gar nicht normal verhalten.“ Irgendwie glaube ich das gerne.

Mir wird langweilig. Liegt wahrscheinlich an der Diskussion und der Diskussionsleitung: Ich erfinde eine kleine rhetorische Grundschulung für Diskussionsleitungen. Was soll man tun, wenn ein Teilnehmer bestimmte Dinge sagt?


Kleine Hilfe für Diskussionsleitungen

Eigentlich ist ja alles schon gesagt, …
Aha, ein Antrag auf sofortige Abstimmung. Hiermit streichen wir die restliche Rednerliste.

Ich weiß nicht, was ich sagen soll …
Wir auch nicht. Aber du mußt auch nichts sagen. Niemand zwingt dich. Nächster bitte.

Ich möchte hier gerne …
Wir nicht. Nächster.

Ich finde, die Diskussionsleitung …
Tut mir leid, deine Redezeit ist abgelaufen. Asta la vista, Baby.


Nach einem Nickerchen kehre ich in Gruppe 1 zurück. Ich finde das Tagebuch eines Bretonen.
10.00 Dunkles Reich erobert
10.20 Grenze auf Karte versetzt
10.40 Ausdehnung in weiße Flecken
11.00 Grenze auf Karte versetzt
12.00 Mit Richard von York über Gebietserweiterungen diskutiert
12.30 Spüldienst
Aber kein Problem: Bretony Ultra wäscht so rein … Weiße Flecken werden noch weißer.
Während man in Thaskar noch spült, kann man in Bretonien schon wieder feiern.
Dann kommt wieder so ein schöner Spruch: Nachher, bei der Kartenbereinigung, werden wir darüber sprechen. Ab in Gruppe 2.

Da geht es mittlerweile um Alkohol, Drogen und ähnliches. Nein, Pech gehabt, es geht darum, was man damit macht, wenn es auf dem CON auftaucht. Auch Diebstahl wird behandelt: bei Real-Diebstahl sollte man die Polizei holen. Ist mir völlig neu. Ich dachte, die sind nur dafür zuständig, wenn der Ork mit Tempo 60 in den Burghof sprintet. Und Drogen sind unerwünscht. Denn:
„Wenn Bekiffte herumlaufen, und die Polizei kommt, weil wir sie wegen Diebstahl geholt haben…“
Hat hier doch schon jemand das Thema getestet?
 „Die einfache Mehrheit ist eine gesamte Mehrheit.“
Scheint so zu sein. Schön, daß wir darüber gesprochen haben.

In Gruppe 1 geht es mittlerweile um die neuen Kriegszüge. Möglichst in alle anliegenden Reiche. Und vor allen Dingen in weiße Flecken. Siehe oben. Der Vertreter Söderlands sieht nicht nur aus wie ein Alt-Hippie auf 10 Jahre Drogenentzug, er redet auch so. Welche Kriegszüge plant Söderland?
„Wir werden in Normont Schafe klauen, in Allerland den König und in Valconnan das Blau?“
„Frau Protokollantin, warum schreiben sie das denn nicht auf?“ fragt der Diskussionsleiter.
„Ich schreib nix für Söderland auf, das habe ich noch nie getan. Ich bin doch nicht blöd!“

In Gruppe 2 reden sie mittlerweile über die Aktion Rollenspieler gegen Rassismus? Rollenspieler gegen Rassismus? Tagebuch eines Valconnan: … und dann mißhandelten wir die Orks und pennten ein.“
„Das sage ich nicht als Vereins-Vertreter, sondern als Mensch.“
Ja, das schließt sich wirklich aus.

Am liebsten würde ich schlafen. Aber jetzt geht es um Anträge und Ideen, die jeder einbringen kann. Mein Gott. Was redet der da für einen Müll? Kann der nicht endlich aufhören? Die haben doch alle keine Ahnung. Wann komme ich endlich dran, um meinen Vorschlag vorzubringen? Schließlich müssen alle einsehen, daß die Kampagne Mittellande eine Burg kaufen muß, damit wir vernünftig CONs veranstalten können.

Kreativität kann man nicht anschalten. Das ist erwiesen. Und weil das so ist, werden die meisten Teilnehmer erst 5 Minuten vor der Ankunft bei der Kampagnensitzung kreativ. Und 4 Minuten vorher hört das wieder auf. Das bedeutet: jeder hat eine halbfertige Idee mitgebracht, die er gerne einbringen will. Nur: halbfertig ist nicht ganz fertig…

Die Gruppe 2 beschließt, das kein Arbeitstreffen für die Besprechung weitere Themen notwendig ist, da man eh nicht weiß, wie man arbeitet. Dann beenden beide Gruppen den Samstag. Beziehungsweise die samstägliche Sitzung.

Dann beginnt der gemütliche Teil. Der Teil auf den sich alle freuen. Die eine Hälfte betrinkt sich aus Freude, daß man sich endlich mal mit Leuten trinken kann, die man ein Jahr lang nicht sieht. Die andere Hälfte betrinkt sich, um die Sitzung zu vergessen. Möglichst den Teil am nächsten Sonntag auch schon. Prophylaxe. Immerhin ist es lustig: „Weißt Du, Harald …“ Nein, weiß ich nicht. Es ist mir auch egal. Ich heiße noch nicht mal Harald. Aber red ruhig weiter, dein Atem macht mich so wunderbar besoffen.

Sonntag morgen beginnt die Sitzung um 10 Uhr. Sie geht auch nur bis 12.30 Uhr. Nachdem um 11.43 ein Viertel der Leute endlich wach ist, geht es in die Endrunde. Erstmal stellen beide Gruppen ihre Ergebnisse vor. Das dauert gerade 2 Minuten. Die Gruppe 2 hat wenigstens ein Papier über Müllvermeidung auf LARPs geschrieben. Das bringt die Diskussionsleitung zu dem Einschub, daß ja bitte alle ihren Müll wegräumen sollten. Vor allen Dingen Gruppe 2. Der Raum der Gruppe stellt noch immer eine Mischung aus Mülldeponie und Marsoberfläche da: überleben ist da nicht möglich. Dann kommt der entscheidende Satz des Tages:
„Es ist sehr wahrscheinlich, daß jeder seine eigene Meinung hat.“
So sicher bin ich mir da auch nicht. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit? Und wievielen wird die Meinung vorgeschrieben, und von wem? Man muß ja immer im BILDe sein.

Dann beginnt die große Verabschiedung. Man versichert sich, wie lieb man sich hat, und das man auf jeden Fall was zusammen machen sollte. Und dann fährt man los und vergißt. Möglichst vollständig das gesamte Treffen. Einerseits muß man keine Spieler informieren, andererseits bleiben keine psychischen Schäden zurück. Ach Mist: zuhause warten wieder ein paar Spieler, die murren werden, weil unsere Gewinne an weißen Flecken zu klein sind. Ich habe keine Ahnung, warum wir überhaupt diese weißen Flecken brauchen. Die wahrscheinlich auch nicht. Oder die machen einen Handel damit auf. Oder promoten die weißen Flecken. Vielleicht Versteigerung im Internet. Weißer Fleck – günstig, nur 9,80 DM.

Sowieso kommt wieder das Problem wie jedes Jahr. Wie erkläre ich als jemand, der das Treffen nicht vergessen konnte – der Alkoholpegel war wohl zu klein – meinen Spielern, was da abgelaufen ist? Wie bei den letzten Treffen. Vor allem frage ich mich immer, was wir gemacht haben.  „Der Inhalt war da, wir konnten ihn unseren Spielern nicht positiv vermitteln.“ Das denke ich auch immer, nachdem ich vor Zeugen gekotzt habe.

Als man damals die Mittellande gründete, da hieß es: na ja, sie hat halt Kinderkrankheiten. Aber mittlerweile sind 7 Jahre vergangen… wie lange hält Scharlach eigentlich an? Oder eher Windpocken? Und ich frage mich: was passiert, wenn wir mal älter werden? Lasset uns nach Aelm-Artrosia ziehen…

Mittlerweile gibt es ja schon die Idee, ein LARP zu veranstalten, in dem das Kampagnentreffen nachgespielt wird. Aber da gibt es noch Probleme: keiner will gerne die Rolle der Diskussionsleitung übernehmen. Zuviel Streß. Und keiner will den Söderlander spielen…

Nie wieder Kampagnentreffen. Aber eigentlich mag ich diese Einrichtung. Man gewöhnt sich halt an alles. Pest, Cholera, Kampagnentreffen.

Bis nächstes Mal. Und vergeßt die Quittungsblöcke nicht.
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.