Die Rotwein-Collage

Ich spürte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als diese grellen Farben auftauchten. Das purpurlüsterne weiß, das klarsichtige aber okulente Blau, das verwitterte und doch nach Abenteuer schmeckende Braun. Dazu kam das wohlmundende Rosé, das grasig-tulpige Grün, das entnikotisierte und verregnete Gelb. Das Grau war karnevalistisch-okultistisch, das Silber hingegen moderat und blasphemisch. Chromatisch naturalistisch präsentierte sich das Gold. Doch über allem thronte das Schwarz, dessen Befehlshaftigkeit und Verwöhntheit gar einzigartig und vollkommen war.

Ich spürte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als meine Frau mir wie das schönste Wesen auf der ganzen Welt vorkam. Ich warf mich vor ihre Füße, ignorierte den penetranten Schweißgeruch und rief: „Mein Engel! Meine Teuerste! Lass mich deine Füße küssen!“ Dann tat ich es.

Ich merkte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als ich heute morgen den ekelhaften Nachgeschmack nicht mehr wegbekam.

Ich spürte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als ich bestimmte hundert Mal das Wort „Desoxyribonukleinsäure“ versuchte auszusprechen – und doch scheiterte ich jedes Mal schon an der zweiten oder dritten Silbe.

Ich spürte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als ich die Schwarze Piste herunterfuhr – ohne Stöcke, ohne Begleitung und ohne Jacke. Als ich wieder zu mir kam und den Bernhardiner vor mir sah, da dachte ich: „Bitte nicht. Wein und Schnaps passen nicht zusammen.“

Ich spürte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als ich freiwillig mit der Deutschen Bundesbahn fuhr.

Ich spürte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als ich sanft entschlummerte.

Ich spürte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als das glibbernde Monster über dem Fußboden auf mich zukroch, 3 oder 4 Augen auf mich gerichtet. Ektoplasma floss wie Sabber, hinter dem Monster entstand eine feuchte Spur. Es richtete sich hoch über mich auf und …

Ich spürte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als ich über einen Witz von Ingo Appelt lachte.

Ich spürte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als das Telefon klingelte und ich beim besten Willen nicht herausbekam, wie ich abheben sollte.

Ich spürte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als ich alte Geschichten erzählte, die nie erzählt werden sollten. Ich sprach von vergangenen, verblichenen, geheimen Beziehungen. Ich schwelgte in den Erinnerungen an längst vergessen geglaubte Kindheitserlebnisse. Ich erzählte von Verbotenem, von Peinlichem und von Verrücktem. Dann bemerkte ich, dass die Zuhörer angewidert und gleichsam angezogen waren, voyeuristisch und moralisch in einem Gegensatz, der sie lähmte.

Ich spürte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als ich vor dem Traualtarstand und gar nicht wusste, wie ich dort hin gekommen war.

Ich spürte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als ich in meiner eigenen Kotze liegend zu mir kam. Ich versuchte mich zu säubern, doch sie widerstand. Sie klebte in den Haaren und wollte auch nicht aus dem Ohr heraus.

Ich spürte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als der Polizeiarzt mich mit der Nadel piekste.

Ich spürte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als nur noch Luft aus der Flasche in meine Kehle ran.

Ich spürte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als ich mich endlich traute ihr zu sagen, was ich von ihr wollte. Ich verspürte das Verlangen, ewig und alle Tage mit ihr zusammen zu sein, in guten wie in schlechten Tagen. So sprach ich zu ihr von meiner endlosen Liebe, von einer rosigen Zukunft und davon zu heiraten. Ich trank noch mehr Rotwein, als sie ging.

Ich spürte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als ich neben meiner Tochter auf dem Boden war und gleichsam ihr nur noch auf allen vieren mich bewegen konnte.

Ich spürte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als mich ein rosaroter Elefant begrüßte und mich darauf aufmerksam machte, dass schon wieder Sommer sei.

Ich spürte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als ich am nächsten Tag in einem Bett aufwachte, dass nicht das meine war. Da stand ein anderer Mann, der verzweifelt überlegte, wessen Unterhose diejenige war, die er gerade in der Hand hielt.

Ich spürte, dass ich zuviel Rotwein getrunken hatte, als ich diesen Text schrieb.

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